Julia Brandt
Julia Brandt
Die einen beantworten Fragen, wie sie die Krisenkommunikation bei den Stromausfällen im Januar 2026 und September 2025 erlebt haben und was man ihrer Meinung nach besser machen könnte; andere beteiligen sich an Workshops, damit ein Sozialroboter nicht an Bedürfnissen der Zielgruppe vorbei entwickelt wird: zwei aktuelle Beispiele dafür, wie sich Bürger*innen in die Forschung an der HTW Berlin einbringen. Citizen Science heißt dieser Ansatz. „Noch kann man einschlägige Projekte an einer Hand abzählen“, sagt Julia Brandt, Forschungsreferentin im Service-Center Forschung. Doch sie hat sich als „Citizen Science Ambassador“ auf die Fahnen geschrieben, die Wissenschaftler*innen der Hochschule bei allen Fragen rund um Citizen Science zu beraten. Warum sie den Forschungsansatz für vielversprechend hält und worauf zu achten ist, darüber spricht Julia Brandt im Interview.
Zum Einstieg eine Erklärung: Was ist Citizen Science?
Citizen Science bedeutet, dass Bürger*innen aktiv an wissenschaftlicher Forschung beteiligt werden. Der Grad dieser Beteiligung ist dabei sehr unterschiedlich. Mal werden „nur“ Daten gesammelt, beispielsweise Zecken fotografiert und ihr Vorkommen gemeldet, was der Forschung hilft, die Verbreitung der Tiere besser zu verstehen. Mal erarbeiten Akteur*innen aus der Gesellschaft und Wissenschaftler*innen aber auch gemeinsam an Forschungsfragen, begegnen sich also auf Augenhöhe.
Wie verbreitet ist Citizen Science an der HTW Berlin?
Derzeit wird die Zivilgesellschaft tatsächlich eher selten einbezogen, Standard ist die enge Kooperation mit Unternehmen. Doch es gibt schon einige Beispiele, bei denen partizipative Elemente integriert werden. Im Projekt „Krisenkommunikation und Governance in Berlin“, kurz: KRIKO-BE, wurden Betroffene des Stromausfalls in Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick zur damaligen Krisenkommunikation befragt. Die konkreten Erfahrungen der Bevölkerung waren Ausgangspunkt für die Wissenschaftler*innen, die gemeinsam mit Bezirksämtern, Feuerwehr und sozialen Einrichtungen bessere Konzepte entwickeln wollen, die unter realen Bedingungen funktionieren.
Mir fallen noch weitere Projekte ein. Aber für die meisten gilt: Sie firmieren derzeit nicht explizit als Citizen Science, weil sie den Begriff für sich nicht verwenden. Unter dem Schlagwort findet man in unserem Forschungskatalog nur einen Aufsatz, an dem ich mitgearbeitet habe. Doch ich bin sicher, dass sich das ändern wird. Auf jeden Fall wollen wir in der Interessengemeinschaft Open Science, will ich selbst als Citizen Science Ambassador für diesen Forschungsansatz sensibilisieren.
Wo sehen Sie den Mehrwert von Open Science?
Es ist ein ungemein wertvoller Ansatz, von dem alle Beteiligten profitieren. Die Wissenschaft, weil sie auf Erfahrungswissen von Menschen zurückgreifen kann, über das sie selbst entweder nicht verfügt oder aufwändig erfassen müsste. Die Bürger*innen, weil sie sich neues Wissen aneignen und dadurch empowert werden. Citizen Science hilft so, Barrieren zwischen Wissenschaft und Gesellschaft abzubauen und trägt zu einem besseren Verständnis von Wissenschaft bei.
Gibt es auch Herausforderungen?
Natürlich. Citizen Science passt nicht zu allen Themen und definitiv nicht zu allen Wissenschaftler*innen. Bürger*innen in die eigene Forschung einzubeziehen, setzt kommunikatives Talent voraus und ist durchaus arbeitsintensiv. Man muss sich gut überlegen, wie man die wissenschaftliche Qualität sicherstellt. Wer eignet sich für welche Aufgaben, braucht es vielleicht Schulungen? Auch der Datenschutz muss gewährleistet sein, das kann kompliziert sein, wenn in Projekten, personenbezogene Daten verarbeitet werden. Manchmal stellt sich die Frage nach einem zusätzlichen Budget. Je nach Aufwand kann man kann nicht davon ausgehen, dass sich Bürger*innen zum Nulltarif engagieren, sondern muss über eine Aufwandsentschädigung nachdenken.
Wer berät und unterstützt beim Thema Citizen Science?
Ich stehe selbst für alle Fragen rund um Citizen Science zur Verfügung: Wie kann man den Ansatz in die eigene Forschung integrieren? Wie tritt man in Kontakt mit den Bürger*innen, wie geht man mit Herausforderungen im Bereich Datenschutz, Ethik und dergleichen um? Wir, das heißt, die Interessengemeinschaft Open Science an der HTW Berlin, wollen künftig auch Themenwerkstätten durchführen, um Citizen Science und anderen Facetten von Open Science größere Aufmerksamkeit zu verschaffen, Informationen vermitteln und konkret ins Gespräch zu kommen. Es gibt zum Beispiel auch die Plattform „mit:forschen! Gemeinsam Wissen schaffen“, die sehr aktiv sind zu Citizen Science und zum Beispiel auch Weiterbildungen anbieten. Und es gibt Ausschreibungen, die explizit auf die Möglichkeit verweisen, Citizen Science zu integrieren und dafür auch Mittel zu beantragen.
Haben Sie selbst einen Bezug zu Citizen Science?
Ja, ich arbeite seit vielen Jahren im Verein „Aktives Museum“ mit. Das ist eine Art Geschichtswerkstatt, in der wir gemeinsam Ausstellungsprojekte entwickeln. Das macht Spaß und ich erlebe die Arbeit immer als sehr befriedigend. Es gibt konkrete Ergebnisse und ich lerne Neues. Außerdem nutze ich kleine Auszeiten auf dem Sofa gerne für die niedrigschwellige Online-Beteiligung an einschlägigen Projekten, zum Beispiel bei „Zooniverse“. Zuletzt war das die Auswertung von unzähligen Aufnahmen einer Wildtierkamera in der Serengeti.
Weiterführende Links




Open Science an der HTW Berlin
Die HTW Berlin versteht Open Science als wichtigen Bestandteil moderner Wissenschaft. Vier sogenannte Ambassadors vertreten die aktuellen Säulen des Open-Science-Engagements:
- Julia Brandt als Citizen Science Ambassador
- Alessandro D'Arcangeli als Open Access Ambassador
- Jörg Maier-Rothe als Open Educational Resources Ambassador
- Dr. Constance Holman als Open Data Ambassador (zum Interview)
Interviews mit Alessandro D'Arcangeli und Jörg Maier-Rothe folgen im Laufe des Jahres.
Beispiele für Citizen Science an der HTW Berlin
- Erfahrungen und Anforderungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen flossen im Projekt ARAI in die Entwicklung einer Open-Source-Software zur Analyse demokratiefeindlicher Inhalte auf Telegram ein.
- Bürger*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen und kommunale Praxispartner wirken im Projekt KRIKO-BE an der Entwicklung von neuen Lösungen für eine inklusive Krisenkommunikation mit.
- Menschen mit chronischen Erkrankungen und Pflegebedürftige beteiligen sich in Workshops an der Weiterentwicklung des Roboters Neffy. So gestalten sie Funktionen und das Design des Roboters mit.
- Im Projekt KLIMTEC haben Privathaushalte ihre Türen für den Einbau von Messgeräten geöffnet.
- Hochschulmitglieder und Anwohner*innen bringen im Projekt Grün-blauer Campus eigene Ideen für die klimafreundliche Umgestaltung des Campus Wilhelminenhof ein und unterstützen das Projekt auch tatkräftig selbst.
Die Fragen stellte Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation
Fotos: HTW Berlin/Alexander Rentsch
Berlin, 28. September 2026