Neue Zielgruppen für Fair-Trade-Produkte

Tischsets aus äthiopischer Seide, Handschuhe aus peruanischer Alpakawolle, bedruckte Baumwollhemden aus Ghana. Diese Produkte haben eines gemein: Sie werden von Menschen in hochwertiger Handarbeit hergestellt, sehr oft von Frauen, und die Arbeit wird fair bezahlt, was alles andere als selbstverständlich ist in der globalisierten Textilindustrie. Trotzdem tun sich Fair-Trade-Produkte auf dem europäischen Markt schwer, stagnieren die Umsätze der einschlägigen Unternehmen bzw. sind teilweise sogar rückläufig. Prof. Johanna Michel aus dem Studiengang Modedesign und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Lina Pfeifer halten mit dem Projekt „Fairfaktur“ dagegen. Sie wollen das Standing von Manufakturen und Kooperativen im Globalen Süden verbessern. Kooperationspartner ist die Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Gefördert wird das Projekt vom Institut für Angewandte Forschung Berlin (IFAF Berlin).

Qualitative Interviews zum Projektauftakt

„Zum Auftakt des Projekts haben wir sehr, sehr viele Fragen gestellt“, erinnert sich Lina Pfeifer. Sie zieht einen Leitfaden für die Interviews mit Manufakturen und Kooperativen in Peru, Bolivien, Nepal, Äthiopien, Indien, Bangladesch und Ghana aus der Tasche. Die Gespräche im virtuellen Raum zu organisieren, hat sie mehr Zeit gekostet als gedacht. Doch der persönliche Austausch mit Gründer*innen, General Manager*innen und weiteren Ansprechpartner*innen der Unternehmen war enorm wichtig. Die qualitativen Interviews schufen die Grundlage für die weitere Arbeit im Projekt. Vermittelt hatten die Kontakte die World Fair Trade Organization (WFTO), ein globales Netzwerk von Organisationen des Fairen Handels, sowie die Praxispartner „El Puente“ und „Folkdays“, letzterer mit Sitz und Ladengeschäft in Berlin-Kreuzberg. Beide importieren fair hergestelltes Kunsthandwerk und vertreiben es.

Bedarfsorientierte Forschung, aber keine kulturelle Aneignung

Das Projektteam hat in den Interviews abgefragt, über welches Verständnis von der eigenen Marktposition die Organisationen verfügen, welche Herausforderungen es in der Vermarktung, bei den Vertriebskanälen, aber auch in der Produktgestaltung gibt. Das alles galt es zu wissen und vor allem zu verstehen, ehe man sich in Berlin an die Arbeit machen konnte. Das, was als „kulturelle Aneignung“ immer wieder negative Schlagzeilen macht, will man im Projekt durch bedarfsorientierte Forschung vermeiden. „Wir möchten den Beteiligten weder etwas überstülpen noch womöglich Muster und/oder Ideen stehlen“, betont Lina Pfeifer mit Nachdruck. Ziel sei es vielmehr, die jeweiligen Kompetenzen und Bedürfnisse zu eruieren und basierend darauf hilfreiche Impulse zu geben, all dies in Kenntnis des hiesigen Markts, für den die Produkte hergestellt werden. Auf eine zentrale Frage kamen die Organisationen im Globalen Süden während den Online-Interviews immer wieder zurück: Wer sind potenzielle Fair-Trade-Konsument*innen abseits der Stammkundschaft? Wie tickt diese Zielgruppe und über welche Kanäle bzw. mit welcher Produkt – und Bildsprache erreicht man sie?

Zugang zum Markt optimieren, neue Kundschaft gewinnen

Und wie gelingt es, ästhetisch ansprechende, aber möglichst zeitlose Entwürfe zu kreieren? „Ein wirklich wichtiger Punkt“, weiß Prof. Johanna Michel, Expertin für Kollektionskonzepte. Das Forschungsteam arbeitet deshalb daran, Manufakturen und Kooperativen dabei zu unterstützen, ihren Zugang zum Markt optimieren und neue Kund*innen gewinnen.

Studierende entwerfen Prototypen

Die zweistündigen Interviews, die in englischer Sprache stattfanden, wurden dokumentiert und sorgfältig transkribiert. Die Mitschnitte fungierten anschließend als Inspirationsquelle für Kollektionsprojekte angehender Modedesigner*innen sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudiengang. „Die Studierenden haben mir berichtet, dass sie dadurch viel gelernt haben“, freut sich Lina Pfeifer. Dennoch sei es für sie eine große Herausforderung gewesen, sich bei der Entwicklung von Entwürfen und Prototypen auf die völlig andere Welt einzulassen. Noch ist offen, ob etwas von den hergestellten Prototypen hergestellt wird. Das eine oder andere ansprechende Design ist auf jeden Fall dabei.

Toolkits sollen das Wissen verfügbar machen

Lina Pfeifer ihrerseits hat mit der Arbeit an Toolkits begonnen. Sie werden die im Laufe des Projekts gewonnenen Erkenntnisse bündeln, aber auch nützliches Wissen darüber hinaus bereitstellen. Deshalb ist ihr dieser Transfer sehr wichtig. Mit den Toolkits will sie nachhaltige Brücken bauen zwischen Manufakturen und Kooperativen einerseits sowie Designer*innen andererseits. Bei der Zusammenstellung der Informationen hat sie deshalb beide Zielgruppen im Blick. Erstere sollen mehr über Marktzugänge, Trendrecherchen und die Analyse von Zielgruppen erfahren, um nur einige Beispiele für die Themenschwerpunkte zu nennen. Letztere können sich belesen über Dos und Don’ts in der Zusammenarbeit mit Kooperativen sowie vielfältige handwerkliche Fertigungsverfahren. „Alles muss möglichst visuell daherkommen, damit Sprachbarrieren kein Problem darstellen“, hat sich Lina Pfeifer vorgenommen. Sowohl die WFTO als auch die Praxispartner werden die Toolkits später für Interessierte bereitstellen.

Nachhaltigkeit sollte eine größere Rolle spielen

Überhaupt ist es Lina Pfeifer ein Anliegen, das Anliegen des Projekts „Fairfaktur“ nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in ihrem eigenen Studium an der Humboldt-Universität zu Berlin – sie studierte dort Integrated Natural Resource Management - intensiv mit dem Verbrauch von natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden und Klima befasst hat. Die junge Wissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit in der Modebranche künftig eine größere Rolle spielen muss und dass auch Fair-Trade-Produkte davon nicht ausgenommen sind. Sie würde sich wünschen, dass der Fachbereich Gestaltung und Kultur auch weiterhin Fairfaktur-Themen in der Lehre anbietet.

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