Von der schönen Weyde zum Campus Wilhelminenhof

Montage der künftigen Fassade auf dem Campus Wilhelminenhof

Am Putz des Gebäudes wären die schönen Pläne für die Fahrzeughalle beinahe gescheitert. Die grobkörnige Oberfläche ließ die ersten Testbuchstaben wie täppische Kleckserei wirken. Ein erfahrener Graffitikünstler half schließlich aus der Patsche. Deshalb klebten, sprayten und cutteten Frank Fiedler, Philipp Ganzer und Carolina Brack im Team: Erst wurde eine bedruckte Dreischichtfolie aufgebracht, dann eine Lage abgezogen, mit schwarzer Farbe gesprayt, eine weitere Folie abgezogen, zuletzt die sogenannten Punzen, also die Innenflächen der Buchstaben, mit einem Cutter herausgeschnitten. Sechs Wochen brauchten der Werbegestalter, der Graffitikünstler und die freie Künstlerin, bis alle Textbausteine auf die Fassade von Gebäude D aufgebracht waren.

Prominenter Platz für das traditionsreiche KWO-Signet

Zu den Texten gesellte sich das KWO-Logo, das bis vor kurzem auf Gebäude C thronte, aber aus Sicherheitsgründen abgenommen werden musste. Am Boden entpuppten sich die in der Höhe mächtig wirkenden Lettern als erstaunlich filigran. Einzeln wurden sie für die Montage an der Gebäudefassade vorbereitet. Dafür musste sich das Metallbauunternehmen Andreas Schulz eine völlig neue Unterkonstruktion überlegen. Denkarbeit war nötig und viel Feingefühl beim Rangieren mit dem Teleskopstapler, um die Kabeltrommel und die drei Buchstaben stabil an der Wand zu befestigen.

LED-Schläuche im Inneren der Buchstaben

Sogar eine neue Beleuchtung wurde installiert. Früher ließen handgearbeitete Hochspannungsröhren das Signet weithin strahlen. Doch die Röhren waren schon lange defekt, eine Sanierung wäre mangels geeigneter Leuchtmittel ebenso schwierig wie teuer geworden. Stattdessen sorgen im Inneren der Buchstaben verborgene LED-Schläuche dafür, dass man das KWO-Logo - und die informativen Elemente der Fassade - auch im Dunkeln gut sehen kann. Stolze 19 Schlauchmeter stecken im "W", das "K" bringt es auf 16 Meter, die Kabeltrommel und das "O" zusammen auf zwölf Meter. 

400 Jahre Geschichte auf 60 Metern Fassade

Auf 60 Metern wird die Fassade nach Abschluss der Arbeiten die Geschichte des traditionsreichen ehemaligen Industriestandorts darstellen. Sie fängt bei der 1598 zum ersten Mal in Urkunden erwähnten „Schönen Weyde“ an und hört beim Einzug der HTW Berlin in die unter Denkmalschutz stehenden früheren Industriegebäude auf. Was dazwischen passierte, wird in drei großen Themensträngen aufgegriffen. Texte und Bilder beschreiben die Veränderungen des Ortes, die Entwicklung der Industrie und präsentieren Menschen, die dabei eine wichtige Rolle spielten. Auch Kriegsproduktion und die damit verbundene Zwangsarbeit bleiben nicht ausgespart.

Konzept und Gestaltung sind ein Gemeinschaftswerk

Das Konzept und die Gestaltung entstanden als interdisziplinäres Gemeinschaftswerk im Fachbereich Gestaltung und Kultur. Regie führten Prof. Dr. Dorothee Haffner und Prof. Dr. Tobias Nettke aus dem Studiengang Museumskunde sowie Prof. Florian Adler aus dem Studiengang Kommunikationsdesign. Über zwei Jahre beteiligten die drei Hochschullehrer_innen zahlreiche Studierende an der inhaltlichen Recherche und der Entwicklung der gestalterischen Ausführung. Die praktische Realisierung des Projekts nahm die Abteilung Technische Dienste der Hochschule in die Hand. Sie holte dafür auch die Zustimmung der Unteren Denkmalschutzbehörde ein. Denn der Campus Wilhelminenhof steht unter Ensembleschutz.

Eröffnung am 24. Oktober 2019

Bis zur Jubiläumsveranstaltung „25 Zukunfts(t)räume der HTW Berlin am 25. Oktober 2019 soll alles fertig sein. Die offizielle Eröffnung ist für den 24. Oktober geplant. Mit der Fassade, die jederzeit und kostenlos besichtigt werden kann, will die HTW Berlin einen Beitrag zur Erinnerung an den traditionsreichen Industriestandort Oberschöneweide im öffentlichen Raum leisten. Ziel ist es, Wissen über handelnde Personen und historische Zusammenhänge zu vermitteln sowie eine aktive Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte anzuregen.