„Es war eine Herausforderung für alle Beteiligten“
Kurz vor Weihnachten 2025 wurde sie von der Bundesregierung eingesetzt, seit Januar 2026 wird gearbeitet, am 23. Juni übergibt sie die mit Spannung erwarteten Empfehlungen für Reformen der Alterssicherung in Deutschland: die Alterssicherungskommission (ASK), in den Medien meist nur „Rentenkommission“ genannt. Mittendrin in dem 13-köpfigen Gremium von Expert*innen: Camille Logeay, Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere quantitative Methoden, an der HTW Berlin. Und: Urheberin eines Dynamischen Rentenmodells (DyReMo), mit dem sich Auswirkungen von Reformvorschlägen transparent simulieren lassen. Dafür wurde sie 2025 mit dem Forschungspreis der Hochschule ausgezeichnet. Im Interview erzählt Prof. Dr. Logeay, wie sie die Arbeit in der Rentenkommission erlebt hat und warum sie die enorm kräftezehrende Aufgabe noch einmal übernehmen würde.
Hatten Sie bei der Berufung eine Vorstellung, was auf Sie zukommt?
Nein, zumindest nicht in dem Umfang, den die Tätigkeit schließlich angenommen hat. Schon im Einsetzungsbeschluss der Bundesregierung waren sehr viele Themen benannt. Viel mehr als ursprünglich im Koalitionsvertrag. Dort stand lediglich das Ziel, eine neue Kenngröße für ein Gesamtversorgungsniveau über alle drei Säulen zu prüfen. Doch dann gab uns die Politik weitere Hausaufgaben auf, die im Einsetzungsbeschluss aufgelistet wurden. Im Grunde haben wir in der Kommission dadurch sehr viele Facetten der Rentenpolitik behandelt. Um sie so gründlich zu bearbeiten, wie ich das als Wissenschaftlerin gewohnt bin, hätten wir zwei Jahre gebraucht, wie die letzte Kommission für einen verlässlichen Generationenvertrag (2018-2020). Doch die Politik wollte dieses Mal schnelle und viele Ergebnisse. Die letzten sechs Monate waren deshalb eine Herausforderung für alle Beteiligten. Ich finde, dass wir das Beste daraus gemacht haben. Übrigens haben wir alle ehrenamtlich gearbeitet!
Worin genau bestand Ihre Tätigkeit?
Ich habe unzählige Rentensimulationen angestellt, Vorträge gehalten, Texte geschrieben, Anhörungen von Expert*innen organisiert und bearbeitet, kritische Fragen gestellt und Konzepte vorgelegt. Ich habe, wo es mit Modellrechnungen und Literaturarbeit ging, quantitative Größenordnungen gegeben. Auch die Rentenmechanik mit ihrer Fristigkeit habe ich für viele Maßnahmen erläutert und wenn möglich auch quantifiziert.
Hat sich das von Ihnen entwickelte Dynamische Rentenmodell bewährt?
Oh ja! Das Modell funktionierte großartig, es hat gewissermaßen seine Bewährungsprobe bestanden. Ich war wirklich froh, es nutzen zu können. Es gibt so etwas wie Preisschilder für viele der diskutierten Maßnahmen, zumindest für diejenigen, die man mit einem solchen Modell beantworten kann. Das ist meines Erachtens sehr, sehr wichtig, denn beim Thema Rente geht es oft um harte Verteilungskonflikte. Wer profitiert, wer verliert? Es war und ist mir ein großes Anliegen, das klar zu benennen, soweit man das mit Modellen beantworten kann. Die finalen Entscheidungen wird natürlich die Politik treffen.
Wieviel Zeit hat Sie die Arbeit in der Kommission gekostet?
Enorm viel. Zu Jahresbeginn musste ich an der HTW noch Lehre machen und mich um Klausuren kümmern. Nach Ende des Wintersemesters war ich freigestellt, und ohne diese Freistellung wäre es auch nicht gegangen. Wir tagten jede Woche, auch an Feiertagen, um keine Zeit zu verlieren. Gemeinsame Termine mit 13 Mitgliedern zu finden, die auch noch parallel anderen Tätigkeiten nachgehen, ist eine Herausforderung. Es gab viele kurzfristige Anhörungen, auf jeden Termin musste ich mich vorbereiten, nahm aber auch Arbeitsaufträge mit, stellte Simulationen bis zum frühen Morgen an. Ich beschreibe einfach mal nur die letzte Woche: Am Montag eine Sitzung von 8.00 bis 23.30 Uhr; am Mittwoch drei Meetings um 7:30, um 12:30 und wieder um 20:30, am Donnerstag ging es von 14.00 bis 16.00 Uhr weiter. Und das sind nur die offiziellen Treffen. Dazwischen: Texte fertigschreiben, lesen, kommentieren, neue Simulationen durchführen.
Wie würden Sie die Arbeitsatmosphäre beschreiben?
Das Gremium bestand aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, deren Sichtweisen weit auseinander gingen. Doch die Auseinandersetzungen waren ausschließlich sachlicher Natur, es gab keinerlei persönlichen oder womöglich sogar beleidigenden Streit. Alles ging sehr gesittet und professionell über die Bühne, und das trotz des enormen Zeitdrucks, den uns die Politik auferlegt hat.
Haben Sie selbst inhaltlich profitiert?
Unbedingt. Auch wenn ich mich seit vielen Jahren mit dem Thema Rente beschäftigte, musste ich mich mehrfach in völlig neue Facetten der Materie einarbeiten. Das ging gar nicht anders. Und das Modell habe ich durch die zu beantwortenden Fragen weiterentwickelt. Mein Team hat dabei großartige Unterstützung geleistet!
Was nehmen Sie persönlich mit?
Ich habe überrascht festgestellt, dass ich bei Sachfragen, die mir wichtig sind, kämpferischer veranlagt bin, als ich dachte. Denn ich bin von Natur aus kein besonders streitlustiger Mensch.
Würden Sie die Aufgabe ein zweites Mal übernehmen?
Ja, weil ich davon überzeugt bin, dass die Politik auf wissenschaftliche Unterstützung angewiesen ist. Sonst wird schlechte Politik gemacht. Ich wurde wegen meiner speziellen Expertise angefragt, ergo habe ich auch die Pflicht, sie einzubringen. Ob ich Lust darauf habe oder nicht, diese Frage stellte sich nicht. Eher schon, ob ich es schaffe, einen so anstrengenden Marathon durchzustehen. Jetzt weiß ich: Ich habe durchgehalten, auch wenn es zwischendurch Tiefpunkte gab.
Werden Sie bei der Übergabe dabei sein?
Selbstverständlich. Die Kommission geht geschlossen ins Bundeskanzleramt und wir geben unsere Empfehlungen gemeinsam ab. Ich war übrigens noch nie im Bundeskanzleramt. Ich bin neugierig.
Und was machen Sie danach?
In meinem Kalender stehen noch ein paar Presseanfragen in den Tagen danach. Dann mache ich endlich Urlaub mit meinen Kindern. Seit sechs Monaten war ich quasi keine Mutter mehr, mein Mann hat Haushalt und Familie neben seinem Vollzeitjob völlig alleine geschmissen. Im Herbst stehen dann wieder Veranstaltungen im Kalender, denn das Thema wird ja relevant bleiben. Und im Oktober wartet die Hochschullehre wieder auf mich.
Weiterführende Links
- “Mehr Sachlichkeit in die Rentendebatte bringen”:
Campus Story anlässlich der Verleihung des Forschungspreises 2025 an Prof.Dr. Camille Logeay - Webseite von Prof. Dr. Camille Logeay