Blühwiese statt Rasen, dazu begrünte Fassaden
Als sich Prof. Dr. Regina Zeitner daran machte, das White Paper, eine Art Weißbuch, zum Thema „Klimaanpassung als Aufgabe des Facility Management“ zu schreiben, da ahnte sie nicht, dass bei seiner Veröffentlichung im Juli 2026 ganz Deutschland über das Thema spricht: Was tun, wenn sich Städte bei Temperaturen über 30 Grad in „Backöfen“ verwandeln und das Leben für viele Menschen richtig anstrengend wird, von schlimmeren Konsequenzen ganz zu schweigen? „Die Gebäude und ihr Umfeld müssen unbedingt angepasst werden“, sagt die Architektin. Welche Maßnahmen sich eignen und warum es höchste Zeit ist, sie in Angriff zu nehmen, erläutert die Wissenschaftlerin im Interview. Sie schrieb das White Paper zusammen mit Co-Autor*innen für den gefma Deutschen Verband für Facility Management, dessen Mitglied sie ist.
Der Zeitpunkt für das White Paper war gut gewählt!
In der Tat. Das Thema beschäftigt mich aber schon länger. Mein Ziel war ursprünglich, belastbare Zahlen zu recherchieren und konkrete Rechenbeispiele vorzulegen. Also zum Beispiel darzustellen, warum es nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch von Vorteil ist, rund um eine Immobilie nicht 100.000 Quadratmeter grünen Rasen anzulegen, sondern eine Blühwiese. Leider ist uns das nicht gelungen, weil wir in der Branche - wenn überhaupt - nur informelle Auskünfte bekommen haben oder die Zahlen für einen exakten Vergleich nicht detailliert genug waren. Da fehlt es an Transparenz. Deshalb kann man auf den 120 Seiten zwar nachlesen, warum eine Klimaanpassung von Gebäuden und des Umfelds so wichtig ist und warum sich das Facility Management darum kümmern sollte, aber leider nicht mit Zahlen hinterlegt.
Und warum sollte das Facility Management diese Aufgabe übernehmen?
Weil sich die Beschäftigten im Facility Management hauptberuflich um die Organisation und Bewirtschaftung der Gebäude und Anlagen kümmern und diese bestens kennen. Sie wissen alles über die technischen Anlagen, sind vertraut mit den Betriebsabläufen, den Außenflächen und natürlich auch mit den Bedürfnissen der Nutzenden. Dadurch können sie Maßnahmen umsetzen und prüfen, ob diese im laufenden Betrieb tatsächlich funktionieren.
Was bedeutet Klimaanpassung im Unterschied zum Klimaschutz?
Klimaschutz hat man im Facility Management schon ein Weilchen auf dem Schirm. Seit 2020 gibt es das Gebäudeenergiegesetz, das die energetischen Anforderungen an Gebäude und Heiztechnik regelt. Da geht es primär um Energieeffizienz und den Ausstoß von CO2. Sehr wichtig, keine Frage. Und für den Klimaschutz entscheidend. Aber der Klimawandel ist bereits da und wir brauchen dringend Klimaanpassung, um uns vor Hitze, Starkregen, Hochwasser, Sturm oder Trockenheit zu schützen.
Bitte geben Sie Beispiele für Maßnahmen der Klimaanpassung!
Ich nenne zwei Maßnahmen: erstens die Fassadenbegrünung und zweitens die Umwandlung von Rasenflächen in Wildblumenwiesen. Eine begrünte Fassade kühlt ein Gebäude und seine Umgebung durch Verdunstung und Verschattung. Sie bindet Kohlendioxid und Stickstoffoxide und fördert die Vielfalt von Pflanzen und Tieren, also Biodiversität. Diese Biodiversität ist auch ein großer Pluspunkt der Wildblumenwiese, die an Stelle eines sterilen, grünen Rasens tritt. Beide Maßnahmen wirken sich in vielerlei Hinsicht positiv aus. Je nach Anlage und Pflegeaufwand von Fassadenbegrünung und Wildblumenwiese können sie unter dem Strich sogar kostengünstiger in der Bewirtschaftung sein.
Was spricht für die Klimaanpassung von Gebäuden?
Handfeste betriebswirtschaftliche, gesellschaftliche und versicherungstechnische Gründe. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht geht es schlicht darum, den Wert von Gebäuden zu erhalten, also Schäden zu vermeiden und die Betriebsfähigkeit zu sichern. Als Gesellschaft haben wir Interesse an unserer Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität, etwa bei großer Hitze. Und versicherungsrelevant ist die Klimaanpassung, weil Immobilien durch Hochwasser, Sturm oder andere Klimarisiken nur zu höheren Kosten oder bisweilen auch gar nicht mehr versicherbar sind. In West Palm Beach in Florida kosten manche Gebäudeversicherungen inzwischen mehr als die Hypothekenraten!
Was erschwert dann die Umsetzung?
Ein zentrales Problem ist die geringe Kostentransparenz. Häufig fehlen genaue Daten dazu, was Klimaanpassungsmaßnahmen in der Anschaffung und im späteren Betrieb kosten oder welche Einsparungen sie ermöglichen. Auch Ausschreibungen für die Pflege von Grünflächen sind oft zu allgemein. Aber ohne nachvollziehbare Zahlen werden Auftraggeber*innen auch weiterhin nur schwer zu überzeugen sein werden. Wir plädieren dafür, dass das Facility Management solche Daten erfasst und nachvollziehbare Vergleiche ermöglicht. Die Branche muss transparenter werden und sich trauen, die Kalkulationen offen zu legen. Dann gelingt es auch, endlich mehr Fahrt in Sachen Klimaanpassung aufzunehmen. In meinem LinkedIn-Post zur Veröffentlichung des White Papers habe ich geschrieben: Praxisbeispiele sind IMMER willkommen und für die Forschung ein Geschenk. Ich hoffe sehr, dass sich das eine oder andere Unternehmen endlich traut, uns kalkulierte Praxisbeispiele zur Verfügung zu stellen.