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Wenn Stoff zu Skulptur wird

Ein Abendkleid fällt in scheinbar unendlich vielen, zarten Falten bis zum Boden. Daneben: ein digital entwickelter Entwurf einer HTW-Studentin, entstanden mit 3D-Software und virtuellen Schnittmustern. Dazwischen liegen fast 100 Jahre Modegeschichte – und doch scheinen beide Stücke miteinander zu sprechen.

Mit der Ausstellung „Many Shades of Grès. Mode wird Kunst“ zeigt das Kunstgewerbemuseum Berlin erstmals im deutschsprachigen Raum das Werk der französischen Couturière Madame Grès. Mit dabei: Studierende und Lehrende der HTW Berlin, die die historischen Arbeiten analysieren und mit eigenen gestalterischen Positionen weiterdenken.

Eine Designerin, die Stoff wie Stein behandelte

Madame Grès galt als eine der wichtigsten Modeschöpferinnen des 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde sie für ihre plissierten Kleider, Drapierungen und Schnitte, die weniger an klassische Mode als an antike Skulpturen erinnern. Mehrere Meter Stoff verwandelte sie in präzise geformte Silhouetten – oft scheinbar mühelos, tatsächlich aber hochkomplex konstruiert. Im Kunstgewerbemuseum steht nun die umfangreiche Berliner Grès-Sammlung im Mittelpunkt der Ausstellung. Rund 25 originale Modelle werden mit Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen, Filmen und zeitgenössischen Positionen kombiniert. Insgesamt zeigt die Schau etwa 150 Exponate. Dass dabei auch die HTW Berlin eine zentrale Rolle spielt, ist kein Zufall. Die Idee zu dieser Kooperation hatte Christian Mau de la Cerca, Lehrbeauftragter im Studiengang Modedesign. Beteiligt waren neben Modedesign auch die Studiengänge Kommunikationsdesign, Bekleidungstechnik/Konfektion und Museologie.

Studierende antworten auf ein historisches Werk

Über mehrere Semester hinweg haben sich Studierende des Fachbereichs Gestaltung und Kultur (School of Culture and Design) mit dem Werk von Madame Grès beschäftigt. Sie analysierten Schnitte, untersuchten Drapierungen und entwickelten eigene gestalterische Antworten auf die historischen Arbeiten. Dabei entstanden nicht nur klassische Modeentwürfe, sondern auch digitale Experimente, virtuelle Modelle und multimediale Arbeiten. Die Ausstellung macht diesen Dialog sichtbar: Historische Couture trifft auf heutige Fragen zu Körperbildern, Materialität und digitalem Design. Besonders spannend ist dabei der Perspektivwechsel. Die Arbeiten der Studierenden funktionieren nicht als bloße Hommage. Sie untersuchen, wie sich Grès’ Ideen in die Gegenwart übersetzen lassen: Was passiert, wenn Drapierungen digital entwickelt werden? Wie verändert sich ein ikonischer Schnitt durch neue Materialien? Und wie lässt sich handwerkliche Präzision in virtuelle Räume übertragen? Ein Beispiel dafür sind digitale Schnittentwicklungen, die mit Programmen wie Clo3D und Unreal Engine entstanden sind. Statt Stoffbahnen auf Schneiderpuppen entstehen manche Entwürfe zunächst vollständig virtuell – und greifen dennoch Prinzipien auf, die Madame Grès bereits in den 1930er-Jahren entwickelte.

Ausstellung als gemeinsamer Lernraum

Für die HTW Berlin ist die Zusammenarbeit mehr als ein Ausstellungsprojekt. Sie verbindet Studium, Forschung und Wissensvermittlung und macht die Ergebnisse für die Öffentlichkeit sichtbar. Die Studierenden arbeiteten dabei nicht isoliert im Seminarraum, sondern in engem Austausch mit dem Kunstgewerbemuseum und der Kuratorin Dr. Katrin Lindemann. Dabei stellte sich eine zentrale Frage: Wie kann man gestalterische Prozesse für Besucher*innen sichtbar machen? Die Ausstellung beantwortet diese Frage nicht mit langen Erklärungstafeln, sondern über Gegenüberstellungen, Materialien und räumliche Inszenierungen. Wer durch die Sonderausstellung geht, bewegt sich ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart: antike Skulpturen neben Haute Couture, historische Mode neben studentischen Entwürfen, analoge Handarbeit neben digitalen Prozessen und 3-D-Druck. So entsteht eine Ausstellung, die Mode nicht nur als Kleidung zeigt, sondern als kulturelle, technische und künstlerische Praxis.

Warum die Zusammenarbeit besonders ist

Kooperationen zwischen Hochschulen und Museen gibt es viele. Doch selten werden studentische Arbeiten so selbstverständlich Teil einer großen Museumsausstellung. Gerade darin liegt die Stärke des Projekts: Die HTW-Studierenden treten nicht als „Nachwuchs“ neben die historischen Originale, sondern als eigenständige Positionen im Ausstellungskonzept. Ihre Arbeiten erweitern den Blick auf Madame Grès – und zeigen gleichzeitig, wie aktuelle Designausbildung heute funktioniert: interdisziplinär, digital und experimentell. Für Besucher*innen wird dadurch sichtbar, dass Modegeschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist. Viele Fragen, die Madame Grès beschäftigten – etwa der Zusammenhang von Körper, Material und Form –, werden heute erneut verhandelt. Nur die Werkzeuge haben sich verändert.

Zwischen Handwerk und digitaler Zukunft

Vielleicht ist genau das die stärkste Verbindung zwischen Madame Grès und den heutigen Studierenden der HTW Berlin: Sie verstehen beide Mode als Konstruktion, was ebenso handwerkliche Konstruktion als auch Mode als soziales Konstrukt umfasst. Bei Grès entstand diese Konstruktion aus Stoff in überbreiten Bahnen, der mit höchster handwerklicher Präzision am Körper in Falten gelegt wurde. Heute kommen 3D-Software, virtuelle Räume und digitale Schnitttechnik hinzu. Die Grundfrage bleibt jedoch dieselbe: Wie entsteht Form am Körper?  Die Ausstellung zeigt, dass diese Frage auch fast ein Jahrhundert später nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

  • Ort: Kunstgewerbemuseum – Staatliche Museen zu Berlin
  • Laufzeit: 15. Mai bis 11. Oktober 2026
  • Umfang: rund 150 Exponate, darunter 25 Originalmodelle von Madame Grès
  • Beteiligte HTW-Bereiche: Studierende verschiedener Studiengänge des Fachbereichs Gestaltung und Kultur
  • Kuratorische Zusammenarbeit: unter anderen mit Dr. Katrin Lindemann