Wenn die Berliner Wärmewende zur Projektaufgabe wird
Was braucht ein Berliner Wohnquartier, um künftig ohne fossile Wärme auszukommen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Studierende im Masterstudiengang Regenerative Energien. Im Sommersemester 2026 hat Prof.Dr.-Ing. Jörn Scheuren die Lehrveranstaltung „Regenerative Wärmetechnik“ neu gestaltet.
Gefördert wurde die Neugestaltung durch den Lehrinnovationsfonds der HTW Berlin. Elise Schwarz vom Lehrenden-Service-Center (LSC) begleitete Scheuren bei der Entwicklung und Umsetzung des Projekts. Im Interview berichtet Scheuren von seinen Erfahrungen mit dem ersten Durchgang, neuen Freiräumen und unerwarteten Schwierigkeiten. Elise Schwarz erklärt, wie das LSC Lehrende im Rahmen des Lehrinnovationsfonds unterstützt.
Warum haben Sie die Lehrveranstaltung von Grund auf neu gedacht?
Jörn Scheuren: Ich habe die Veranstaltung im Sommersemester 2026 vom Kollegen Prof. Friedrich Sick übernommen, der gerade in den Ruhestand gegangen ist. Ich hätte seine Unterlagen und sein Konzept weiterverwenden können, aber ich habe die Gelegenheit genutzt, die Veranstaltung didaktisch neu auszurichten und an meinen Lehrstil anzupassen. Deshalb habe ich überlegt: Welche Inhalte sind wichtig und wie möchte ich sie vermitteln? Fachlich ist vieles gleich geblieben. Neu sind die Methoden, die Prüfungsform und die Zusammenarbeit mit den Praxispartner*innen.
Warum eignet sich die regenerative Wärmeversorgung für projektbasiertes Lernen?
Jörn Scheuren: Berlin will bis 2045 klimaneutral werden. Der Wärmebereich steht dabei vor einer gewaltigen Aufgabe: Noch immer stammen rund 90 Prozent der Wärmeversorgung aus fossilen Quellen. Unternehmen, Planungsbüros und Energieversorger suchen deshalb nach Lösungen für ganz konkrete Gebäude und Quartiere. Statt theoretische Aufgaben zu entwerfen, konnte ich diese realen Fragen in die Lehrveranstaltung holen. Die Resonanz war enorm: Von acht angefragten Unternehmen haben sieben sofort zugesagt. Ein weiteres bot eine Exkursion an.
Wie lief die Zusammenarbeit im ersten Durchgang?
Jörn Scheuren: Die Praxispartner*innen stellten ihre Aufgaben beim Kick-off selbst vor. Danach konnten die Studierenden Wünsche angeben und sich zu Gruppen zusammenfinden. Da es so viele Teilnehmende gab, wurden manche Projekte am Ende von zwei Gruppen bearbeitet. Ich habe fachliche Impulse gegeben und Videos, Tests und Materialien auf Moodle bereitgestellt, die vor allem von Cheyenne Schlüter, der studentischen Hilfskraft im Projekt, erstellt wurden. Die eigentliche Arbeit an den Projekten lag aber bei den Gruppen. Sie analysierten Daten, entwickelten technische Konzepte und übten sich in der Kommunikation mit Auftraggeber*innen. Zum Abschluss präsentierten sie ihre Ergebnisse vor den Praxispartner*innen. Nun folgen noch die Projektberichte und das Feedback aller Beteiligten.
Wie kamen die Studierenden mit dem neuen Format zurecht?
Jörn Scheuren: Sehr unterschiedlich. Viele fanden es großartig, an echten Projekten, mit echten Daten und im direkten Kontakt mit Unternehmen zu arbeiten. Andere hätten sich mehr Vorlesungen und genauere Vorgaben gewünscht. Manche Gruppen haben meine Unterstützung aktiv in Anspruch genommen, während andere lange sagten: „Es geht schon“ – obwohl später Lücken sichtbar wurden. Beim nächsten Mal möchte ich früher erkennen, welche Gruppen mehr Begleitung brauchen.
Was hat sich dadurch an Ihrer Rolle als Lehrender verändert?
Jörn Scheuren: Ich musste lernen, Kontrolle über den Lernprozess abzugeben. In manchen Präsenzterminen habe ich einen kurzen Impuls gegeben und danach arbeiteten die Gruppen selbstständig. Dann stand ich vorne und 90 Minuten lang fragte niemand nach Hilfe. Das fühlte sich ehrlich gesagt merkwürdig an. Teilweise frage ich mich im Rückblick, ob ich bei einzelnen Gruppen stärker hätte eingreifen sollen. Lernbegleitung bedeutet nicht nur, Hilfe anzubieten. Man muss auch erkennen, wann sie gebraucht wird.
Welche Rolle spielte das LSC bei der Entwicklung?
Jörn Scheuren: Ich habe mich schon etwa ein Jahr vor der Veranstaltung für eine Beratung an Elise Schwarz gewandt. Damals ging es noch gar nicht um den Lehrinnovationsfonds, sondern um die Grundsatzfrage: Wie kann ich die Veranstaltung umgestalten? Es war damals noch gar nicht klar, dass es projektorientierte Lehre wird. Wir haben ganz offen über Präsenz- und Onlinezeiten, selbstständige Arbeitsphasen und die Bewertung gesprochen. Und das LSC hat mir die verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt. Entscheidend war, ein Konzept zu finden, das zur Veranstaltung und zu mir als Lehrperson passt.
Elise Schwarz: Der Lehrinnovationsfonds kam später ins Spiel, weil der diesjährige Förderschwerpunkt „Fach- und Hochschulgrenzen überschreiten“ einfach optimal gepasst hat. Vor einigen Jahren war der Fonds vor allem eine finanzielle Förderung. Das hat sich mittlerweile geändert und inzwischen entwickeln wir ihn stärker zu einem Lehrentwicklungsprogramm. Die Projekte erhalten eine feste Begleitung und kommen beim Kick-off miteinander ins Gespräch. Dieser Austausch ist wichtig: Lehrende stehen oft vor ähnlichen Fragen, etwa zur Bewertung von Projektarbeit. Davon hat das Projekt von Herrn Scheuren also zusätzlich profitiert.
Was würden Sie Kolleg*innen mit einer ähnlichen Idee raten?
Jörn Scheuren: Zuerst sollte man sich klarmachen, ob man diese Form der Lehre wirklich will. Sie bedeutet nicht weniger Arbeit, sondern andere. Außerdem braucht man gute Themen und verlässliche Praxispartner*innen. Damit steht und fällt das Format. Einige Gruppen konnten Gebäude besichtigen und erhielten tiefe Einblicke. Andere warteten lange auf Daten oder Antworten. Beim nächsten Durchgang werde ich deshalb genauer vereinbaren, was ich von den Partner*innen erwarte. Die erste Umsetzung war die Generalprobe. Die zweite kann auf diesen Erfahrungen aufbauen.
Woran würden Sie erkennen, dass Ihr neues Lehrkonzept langfristig erfolgreich ist?
Jörn Scheuren: Was solche Projekte bewirken können, zeigt mir die Erfahrung eines ehemaligen Studenten. Während seines Studiums hat er selbst ein ähnliches Projekt bearbeitet. Rückblickend war es für ihn das Projekt, das ihm am meisten Spaß gemacht und zugleich die besten Einblicke in die Praxis ermöglicht hat. Es hat sogar seine spätere Berufswahl beeinflusst. Heute arbeitet er bei Drees & Sommer, einem international tätigen Beratungsunternehmen. Als ich ihn fragte, ob Drees & Sommer als Praxispartner mitwirken würde, sagte er sofort zu. Wenn Studierende später sagen, dass ihnen ein solches Projekt den Weg in ein Unternehmen oder ein Berufsfeld eröffnet hat, wäre das für mich ein großer Erfolg.
Im nächsten Sommer startet die Lehrveranstaltung erneut. Bis dahin will Scheuren die Rückmeldungen auswerten, Erwartungen an die Praxispartner*innen schärfen und die Begleitung der Gruppen verbessern. Denn Lehrinnovation bedeutet nicht, auf Anhieb das perfekte Konzept zu entwerfen, sondern etwas zu wagen, genau hinzusehen und es beim nächsten Mal besser zu machen.
Sie haben auch eine Idee für ein Lehrinnovationsprojekt?
Der Lehrinnovationsfonds 2026 fördert Lehrprojekte mit bis zu 8.000 Euro. Für den diesjährigen Schwerpunkt „Studierende KI-kompetent für Studium und Beruf befähigen“ sind innovative Lehr- und Prüfungskonzepte gefragt, die Studierende auf eine zunehmend von KI geprägte Studien- und Berufswelt vorbereiten.
Bewerbung bis 13. November 2026: Alle Informationen zur Ausschreibung, zu den Förderkriterien und zur Bewerbung finden Sie auf der Website des Lehrinnovationsfonds.
Noch ganz am Anfang? Das Lehrenden-Service-Center unterstützt Sie gerne dabei, erste Überlegungen zu Ihrem Lehrprojekt weiterzuentwickeln. Schicken Sie dafür einfach ein paar Stichpunkte zu Ihren Ideen per E-Mail an lehre@htw-berlin.de und vereinbaren Sie einen Beratungstermin.
