Zum Hauptinhalt / Skip to main content

Studieren für das Gemeinwohl

Wenn erfahrene Persönlichkeiten aus der Praxis gemeinsam mit Studierenden zu LEGO® Steinen greifen und daraus Modelle für komplexe Herausforderungen entwickeln, dann zeigt sich, worum es Prof. Dr. Berit Sandberg in ihrer Lehre geht: um ungewöhnliche Zugänge, Zusammenarbeit auf Augenhöhe und forschendes Lernen an gesellschaftlich relevanten Problemen. In ihrer Lehrveranstaltung „Fallstudie I – Erfolgsmodell Bürgerstiftungen“ haben Studierende des Masterstudiengangs Nonprofit-Management und Public Governance gemeinsam mit fünf Bürgerstiftungen aus Berlin und Brandenburg an realen Herausforderungen der Praxis gearbeitet. Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Analyse von außen, sondern ein gemeinsamer Lern- und Arbeitsprozess, in dem das Erfahrungswissen der Bürgerstiftungen und die analytischen Perspektiven der Studierenden zusammengeführt wurden, um tragfähige Lösungsansätze zu entwickeln. Für dieses Konzept wurde Sandberg 2026 mit dem Preis für gute Lehre ausgezeichnet.

Warum haben Sie gerade Bürgerstiftungen für das fallstudienbasierte Lernen gewählt?

Sandberg: Bürgerstiftungen begleiten mich seit vielen Jahren in meiner Forschung. Sie bringen Menschen vor Ort zusammen, fördern gesellschaftliches Engagement und stärken lokale Demokratie. Genau deshalb sind sie hervorragende Untersuchungsobjekte für den Studiengang. Ziel war, dass sich die Studierenden mit ganz typischen Herausforderungen von Non-Profit-Organisationen beschäftigen: Wie gewinnen wir Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren? Wie werden wir sichtbar und schaffen Teilhabe? Wie sichern wir unsere Zukunft? Das könnte man mehr oder weniger auch mit Fachliteratur vermitteln, aber erst die forschende, praxisorientierte Herangehensweise in der Zusammenarbeit mit den Bürgerstiftungen macht die Herausforderungen konkret erfahrbar und führt zu einem tiefen Verständnis der Zusammenhänge.

Wie wurden die Praxispartner*innen Teil des Lernprozesses?

Sandberg: Mir war wichtig, dass die Vertreter*innen der Bürgerstiftungen nicht nur ein Briefing geben, aus dem die Studierenden anschließend allein Lösungen entwickeln. Statt Impulsvorträge zu halten oder Interviews zu geben, sollten sie den Lernprozess aktiv mitgestalten. Deshalb gab es drei große Workshops, in denen gemeinsam an Fragestellungen, Herausforderungen und Lösungsansätzen gearbeitet wurde. Die Stiftungsvertreter*innen haben sich also viel Zeit genommen und auch sehr wertgeschätzt, dass die Studierenden kompetent und engagiert konkrete Handlungsempfehlungen für zentrale Problemfelder entwickelt haben. Es war eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, die allen Beteiligten viel Freude gemacht hat. Alle Arbeitsgruppen blieben auch zwischen den Terminen mit ihren Bürgerstiftungen in Kontakt.

Gab es einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Sandberg: Ja, und zwar im späteren Verlauf des Semesters. Ein Student hat Fragen gestellt, die so präzise und durchdacht waren, dass daraus ein echtes Fachgespräch entstanden ist. Das fühlte sich nicht mehr wie eine klassische Lehrsituation an, sondern eher wie gemeinsames Arbeiten an einer Fragestellung. Solche Momente verschieben Machtverhältnisse und zeigen, was möglich wird, wenn Studierende Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen.

Wie sah das Lernen konkret aus?

Sandberg: Die Studierenden haben in festen Teams gearbeitet und ihre Fallstudien Schritt für Schritt durch die mehrstündigen Workshops, ergänzende Recherchen und aufeinander aufbauende Analyseaufgaben erschlossen. Gemeinsam mit den Bürgerstiftungen rekonstruierten sie Gründungsgeschichten, visualisierten Netzwerke und analysierten Erfolgsfaktoren der Stiftungsarbeit. Dabei kamen Methoden wie LEGO® SERIOUS PLAY®, Personas oder System Mapping zum Einsatz. Aus den Ergebnissen entwickelten die Gruppen konkrete umsetzbare Handlungsempfehlungen. Geprüft wurde nicht durch eine Klausur, sondern durch ein Portfolio, das den gesamten Lernprozess sichtbar gemacht hat.

Warum braucht Hochschullehre reale gesellschaftliche Lernräume?

Sandberg: Praxis ermöglicht eine andere Form des Lernens. Viele Zusammenhänge lassen sich theoretisch beschreiben, aber erst in der Realität wird sichtbar, wie komplex gesellschaftliche Herausforderungen tatsächlich sind. Die Studierenden erleben, dass Organisationen Entscheidungen unter Unsicherheit treffen und unterschiedliche Interessen berücksichtigen müssen. Gleichzeitig lernen sie, welche Rolle ihr eigenes Fach für Teilhabe, Engagement und Demokratie spielen kann. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Werte unter Druck geraten, halte ich es für wichtig, Studierende nicht nur über gesellschaftliches Engagement reden zu lassen, sondern ihnen konkrete Erfahrungen damit zu ermöglichen.

Was macht für Sie gute Lehre aus?

Sandberg: Gute Lehre bedeutet für mich, anspruchsvolle Lernräume zu gestalten, in denen Studierende eigenständig denken und handeln können. Ich verstehe meine Rolle dabei vor allem als Ermöglicherin. Ich gebe Struktur, stelle Methoden und Kontakte zur Verfügung und begleite den Prozess. Solche Formate stehen und fallen allerdings auch mit den Studierenden und es braucht junge Menschen, die wirklich etwas bewegen wollen. Ein spielerischer Zugang öffnet dann auch bei sehr ernsten Themen den Blick. Aus meiner Forschung zu kunstbasierten Lernformen weiß ich: Spiel ist nicht bloß Auflockerung, sondern kann Wahrnehmung verändern, Routinen unterbrechen und neue Formen des Denkens ermöglichen. Genau das macht solche Formate für mich so wertvoll.

Beratung für Lehrende

Sie haben auch tolle Ideen für die Lehre, aber wissen noch nicht, wie Sie das am besten umsetzen? Das Lehrenden-Service-Center berät Sie bei allen Fragen zu Lehre, Didaktik und Medienproduktion. Kontaktieren Sie uns einfach per Mail unter lehre@htw-berlin.de. Wir freuen uns auf Ihre Anfragen!

LSC Logo