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"Sich um das kümmern, was tatsächlich ansteht"

Seit April 2023 steht Prof. Dr. Annabella Rauscher-Scheibe an der Spitze der HTW Berlin. Ihre bisherige Amtszeit ist von Gegensätzen geprägt: Die Hochschule ist gewachsen, hat sich in Rankings verbessert, Anerkennungen für Gleichstellung erhalten und mit dem Promotionsrecht institutionell an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig haben die Kürzungen des Landes Berlin die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Die Hochschule musste konsolidieren, Prioritäten neu setzen und Studienplätze reduzieren. Im Gespräch erklärt sie, warum die HTW Berlin trotz schwieriger Rahmenbedingungen für die Zukunft gut aufgestellt ist und verrät, ob sie sich für eine weitere Amtszeit beworben hat.

Wie haben Sie den Start ins Amt der Präsidentin erlebt?

Ich hatte von Anfang an großen Respekt vor der Aufgabe. Nach der Wahl habe ich erst einmal gedacht: Was hast du da getan? Mir war klar, dass ich die Verantwortung für eine große und komplexe Hochschule übernehme. Was ich unterschätzt hatte, war die enorme Bandbreite dieser Verantwortung. Viele Themen landen bei der Präsidentin, sobald sie eskalieren, mehrere Bereiche gleichzeitig betreffen oder eine Sonderlösung brauchen. Das reicht von Personal- und Rechtsfragen bis zu Krisensituationen auf dem Campus.

Wie geht man mit dieser Verantwortung um?

Zunächst braucht man sehr viel Wissen. Ich habe in kurzer Zeit unglaublich viel über Beamten-, Verwaltungs-, Prüfungs- und Berufungsrecht gelernt. Ebenso wichtig ist ein gutes Team, mit dem man schwierige Situationen durchsprechen kann. Und irgendwann entwickelt sich auch ein gewisses Grundvertrauen: Wir haben bisher fast alles gemeinsam gelöst, also werden wir auch mit der nächsten unerwarteten Situation umgehen können.

Dabei hat sich für mich sehr bewährt, viel vor Ort zu sein. Gerade in schwierigen Situationen ist der direkte Austausch einfacher. Gleichzeitig weiß die Hochschule: Die Hochschulleitung ist ansprechbar, Entscheidungen können schnell getroffen werden. Mir ist diese Nahbarkeit wichtig. Daher ist auch meine Bürotür meistens offen.

Was zeichnet die Hochschule für Sie besonders aus?

Wir schaffen mit vergleichsweise knappen Ressourcen sehr viel. Die HTW Berlin ist schlank aufgestellt, gleichzeitig übernehmen viele Menschen große Verantwortung. Das führt an vielen Stellen zu einer hohen Effizienz. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Forschungsstärke. Als ich an die HTW Berlin kam, habe ich mich gefragt, wann die Kolleg*innen hier all diese interessanten Projekte eigentlich machen. Dann habe ich verstanden, welche Rolle die Forschungsfreisemester spielen. Sie ermöglichen es, neue Themen zu beginnen, Anträge zu entwickeln oder neue Partnerschaften aufzubauen. Das ist ein wichtiger Baustein für Forschung, Transfer und Gründung – und deshalb etwas, das wir auch unter schwierigen finanziellen Bedingungen unbedingt erhalten müssen.

Sie sind mit dem Ziel angetreten, die Zukunft der Hochschule gemeinsam mit den Gremien zu gestalten. Dann kamen die Haushaltskürzungen. Was hat sich dadurch verändert?

Sehr viel. Natürlich hätte ich lieber finanzielle Spielräume gehabt, um zusätzliche Themen zu entwickeln. Stattdessen mussten wir uns früh mit der Frage beschäftigen, wo wir konsolidieren können. Ich glaube aber, dass es uns gelungen ist, nicht wahllos zu kürzen. Wir hätten einfach überall einen bestimmten Prozentsatz einsparen können. Dann hätten wir uns viele schwierige Diskussionen erspart. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden und stattdessen gefragt: Was gehört zum Kern dieser Hochschule? Was müssen wir erhalten? Gleichzeitig mussten wir auch schwere Entscheidungen treffen und uns von Themen lösen.

Eine Konsequenz war der Abbau von Studienplätzen. Warum war das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Wir haben vor allem dort Kapazitäten reduziert, wo Studienplätze ohnehin nicht vollständig ausgelastet waren. Entscheidend war für mich, dass die Qualität des Studiums, aber auch die Arbeitsbedingungen nicht unter den Kürzungen leiden. Hinter jedem Studienplatz steht schließlich auch Verwaltungsarbeit. Studiengänge und Kohorten müssen geplant und betreut werden. Wenn man Kapazitäten erhält, gleichzeitig aber Personal abbaut, steigt die Belastung immer weiter. Deshalb mussten wir beides zusammendenken. Wir wollten verhindern, dass Beschäftigte dauerhaft in Überlast geraten.

Gleichzeitig ist die HTW Berlin in den vergangenen Jahren gewachsen und hat sich in verschiedenen Rankings verbessert. Wie erklären Sie sich das?

Da kommt vieles zusammen. Wir haben Prozesse verbessert und sehr darauf geachtet, Studienplätze tatsächlich zu besetzen. Gleichzeitig haben wir viele Projekte, die über die Hochschule hinaus sichtbar werden und Studierende anziehen. Ich glaube außerdem, dass die HTW einen modernen und lebendigen Außenauftritt hat. Und wir bieten ein gut organisiertes Studium. Die Studierenden werden fachlich gefordert, müssen sich aber nicht erst ein Semester lang damit beschäftigen, wie die Hochschule überhaupt funktioniert. Hinzu kommt unser Campus. Wir haben zwei tolle Standorte in gutem Zustand. Natürlich gibt es immer Dinge, die man verbessern kann, aber insgesamt haben wir attraktive Studienbedingungen. Dass wir unsere Studiengänge als systemakkreditierte Hochschule selbst weiterentwickeln können, hilft dabei ebenfalls.

In Ihrem Verantwortungsbereich liegt auch das Thema Gleichstellung und Diversity. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Wir haben das Diversity Audit des Stifterverbands mit großem Erfolg absolviert und tragfähige, dauerhafte Strukturen für Gleichstellung und Antidiskriminierung geschaffen. Das trägt Früchte wie die Auszeichnung als gleichstellungsstarke Hochschule. Bei den Berufungen der vergangenen Jahre haben wir ungefähr einen Frauenanteil von 50 Prozent erreicht. Besonders freut mich, dass das nicht nur bestimmte Fachrichtungen betrifft, sondern wir auch viele Ingenieurinnen gewinnen konnten.

Unsere Berufungsverfahren funktionieren insgesamt sehr gut. Wir haben ausreichend Bewerbungen und können die Professuren in aller Regel im ersten Verfahren besetzen. Fast immer nehmen die Erstplatzierten unseren Ruf auch an. Das zeigt mir, dass die HTW Berlin als Arbeitgeberin attraktiv ist. Dazu trägt auch das Projekt TIES mit dem Future Professors Programme bei. Solche Programme schaffen zusätzliche Möglichkeiten, Menschen für eine HAW-Professur zu interessieren und insbesondere Professorinnen sichtbarer zu machen.

Sie setzen sich öffentlich stark für den Hochschultyp HAW ein. Warum ist Ihnen das so wichtig?

HAWs sind für mich ein ganz wesentlicher Bestandteil des deutschen Hochschulsystems. Durch ihre Praxis- und Berufsorientierung sind sie eine wichtige Brücke, sowohl in die Wirtschaft und Gesellschaft als auch für den sozialen Aufstieg. Gerade für Studierende aus Familien ohne akademische Tradition ist es hilfreich, wenn ein Studiengang klar vermittelt: Was lerne ich hier, und was kann ich später damit machen? Diese Orientierung senkt Hürden. Gleichzeitig ist das Hochschulsystem durchlässiger geworden. Nach einem Bachelor an einer HAW kann man einen Master machen, an eine Universität wechseln oder promovieren. Mit dem Promotionsrecht können wir nun selbst die gesamte akademische Bandbreite anbieten und dabei Forschungsthemen ermöglichen, die besonders nah an praktischen Fragestellungen liegen. 

Ist die Rolle der Hochschulpräsidentin in den vergangenen Jahren politischer geworden?

Ja, die politische Komponente des Amtes hat aus meiner Sicht zugenommen. Man muss immer wieder unterscheiden: Was ist Hochschulpolitik, wofür habe ich ein Mandat – und wo beginnt allgemeine Politik? Gleichzeitig müssen wir mit allen demokratischen Parteien im Gespräch bleiben. Wenn meine fachliche Expertise im Abgeordnetenhaus gefragt ist, gehört es zu meinem Amt, sie einzubringen. Ich werde zu sehr unterschiedlichen Themen eingeladen – von Gleichstellung über MINT bis zum dualen Studium. Dabei versuche ich, nicht abstrakt über Hochschulen zu sprechen, sondern konkret zu erklären, wie Prozesse bei uns funktionieren. Zudem darf ich seit 1. Oktober als Sprecherin die Interessen der HAWs in der Landeskonferenz der Rektor*innen und Präsident*innen der Berliner Hochschulen (LKRP) vertreten, das ist natürlich auch ein politischer Auftrag.

Ist eine Hochschulpräsidentin damit vor allem Politikerin, Managerin oder Vermittlerin?

Von allem etwas. In den vergangenen Jahren war sicher sehr viel Management gefragt. Bei der Konsolidierung kam auch etwas Unternehmerisches hinzu: Entscheidungen vorbereiten, Strukturen hinterfragen und Veränderungen anstoßen. Sehr häufig ist das Amt aber eine Vermittlungsaufgabe. Eine Präsidentin trägt für vieles Verantwortung, kann aber keineswegs alles selbst entscheiden. Wenn es um die Grundsätze von Forschung und Lehre geht, also zum Beispiel auch bei der Reduzierung von Studienplätzen, entscheidet letztlich der Akademische Senat. Das Präsidium ist dort nur Gast und nicht stimmberechtigt. Meine Aufgabe besteht deshalb oft darin, Prozesse zusammenzubringen, Interessen auszugleichen und dafür zu sorgen, dass Themen nicht zwischen Zuständigkeiten liegen bleiben.

Wenn Sie auf die vergangenen dreieinhalb Jahre schauen: Was bleibt?

Die Amtszeit war weniger spielerisch, als ich es mir vielleicht vorgestellt hatte. Ich bin nicht an eine Hochschule mit personellen und finanziellen Spielräumen gekommen, bei der wir einfach noch ein paar tolle zusätzliche Ideen umsetzen konnten. Kurz nach Beginn meiner Amtszeit wurde die Position des Kanzlers vakant, dann die Personalleitung. Die Position der Antidiskriminierungs­beauftragen war nicht besetzt. Und als dann alles wieder in geordneten Bahnen lief, kamen die Kürzungen. Daher hieß es weniger gestalten, sondern viel häufiger: Ärmel hochkrempeln, einspringen, auffangen – und gegenüber der Politik deutlich machen, wo Grenzen liegen. Umso bemerkenswerter finde ich, dass die Hochschule in mancher Hinsicht heute besser aufgestellt ist als vor drei Jahren. Wir haben uns in Rankings weiter verbessert, das Promotionsrecht erhalten, die notwendigen Sparmaßnahmen umgesetzt, Anerkennung für unsere Gleichstellungsarbeit bekommen und zugleich wachsende Studierendenzahlen erlebt.

Was möchten Sie künftig stärker vorantreiben?

Ein Thema wäre für mich die weitere Internationalisierung. Die HTW Berlin hat dafür sehr gute Voraussetzungen und ist beim DAAD gut vernetzt. Wir sind als einzige Berliner HAW Teil der Initiative „Europäische Hochschulen“ der EU-Kommission. Als große Hochschule in der Hauptstadt haben wir außerdem besondere Möglichkeiten, etwa durch den Austausch mit Botschaften und internationalen Delegationen. Mit klareren Schwerpunktprogrammen könnten wir uns international noch stärker positionieren.

Heißt das, dass Sie für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehen?

Ja. Es hat zwar nicht immer Spaß gemacht, das kann ich schon klar sagen. Aber ich glaube, es hat letztlich für die Hochschule gut funktioniert. Und ich würde deutlich weniger naiv in eine zweite Amtszeit gehen. Heute habe ich ein sehr klares Bild davon, was dieses Amt im Alltag bedeutet.

Warum haben Sie sich erst jetzt entschieden, noch einmal anzutreten?

Das hatte zwei Gründe. Zum einen gab es in meiner Familie eine schwierige Situation: Meine Schwiegermutter ist schwer erkrankt, mein Schwiegervater ist vor kurzem gestorben. Lange war deshalb nicht klar, ob sich eine weitere Amtszeit überhaupt mit der Verantwortung in der Familie vereinbaren lässt.

Zum anderen weiß ich heute sehr genau, worauf ich mich einlasse. Das Amt bedeutet eine hohe zeitliche Belastung, viel Präsenz an der Hochschule und gleichzeitig die Wahrnehmung der Außenvertretung mit vielen externen Terminen, auch abends und teils am Wochenende. Deshalb habe ich die Entscheidung sehr bewusst zusammen mit meinem Mann im Urlaub beim Wandern getroffen.