Pflege, die Mut macht
Eine Frau hebt die Arme, als wolle sie prüfen, wie weit sie heute reichen. Ein paar Wochen zuvor brauchte sie noch Hilfe beim Aufstehen. Jetzt steht sie selbstständig im Aufenthaltsraum eines Pflegeheims und trainiert ihre Beweglichkeit. Solche Szenen sind es, auf die das Projekt CareMoRe setzt: Pflege soll nicht nur versorgen, sondern verloren gegangene Fähigkeiten zurückbringen.
Eine gemeinsame Studie der HTW Berlin, der Alice Salomon Hochschule und der domino-coaching Stiftung zeigt nun, dass genau das gelingen kann – ohne zusätzliche Kosten und innerhalb der bestehenden Regeln des Pflegesystems.
Zurück in den Alltag statt „Endstation Pflegeheim“
Die Ausgangslage ist dramatisch: Nahezu alle Bewohnerinnen und Bewohner stationärer Pflege benötigen Rehabilitation. Tatsächlich erhalten aber weniger als ein Prozent aller Bedürftigen diese Unterstützung. Genau dort setzt das sogenannte domino-coaching™ an. Statt Pflege vor allem als Kompensation von Verlusten zu verstehen, kombiniert das Modell rehabilitative Übungen, Motivation, individuelle Zielvereinbarungen und aktivierende Pflege. Um Muskeln aufzubauen und Koordinierung zu trainieren, treiben Pflegebedürftige täglich mindestens eine Stunde Sport. Ziel ist es, Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Ein solches Pflegekonzept muss aber auch bezahlt werden können. Die zentrale Frage der Studie lautete deshalb: Kann Pflege nachhaltig verbessert werden, ohne das Pflege-System grundlegend umzubauen oder mehr Geld auszugeben?
Über 3.000 Menschen, zwölf Einrichtungen, 18 Monate
Für die Evaluationsstudie begleiteten Forschende der HTW Berlin und der Alice Salomon Hochschule 2.500 Bewohner*innen und Kund*innen in zwölf Pflegeeinrichtungen in Berlin und Brandenburg und die sie betreuenden 850 Mitarbeitenden über einen Zeitraum von 18 Monaten. Pflegefachlich wurde im Zeitverlauf ermittelt, welchen Anteil des Alltags die Personen selbst bewältigen können, wie sie ihre Gesundheit wahrnehmen und wie selbstständig sie sich fühlen. Die Ergebnisse zeigen klar: Die Fähigkeit, Alltagsaktivitäten selbstständig durchzuführen, stieg um 22 bis 39 Prozent in nur drei Monaten. Von den mit sogar vier Stunden täglichem Reha-Sport besonders geförderten „Leuchtturm“-Bewohner*innen konnten zwei Drittel innerhalb von sechs Monaten in ihre eigenen Häuslichkeit zurückkehren.
Ziele setzen
Das Besondere am domino-coaching™ ist weniger eine einzelne neue Methode als die Kombination verschiedener Ansätze. Pflegekräfte arbeiten zugleich aktivierend, motivierend und therapeutisch. Bewohner*innen formulieren eigene Ziele: wieder Treppen steigen, sich selbst anziehen oder allein mit dem Rollstuhl unterwegs sein. Die Studie zeigt, dass genau diese persönliche Zielsetzung offenbar eine wichtige Rolle spielt. Menschen, die ihre eigene Autonomie stärker wahrnahmen, bewerteten auch ihre Gesundheit deutlich positiver. Besonders stark verbesserten sich laut Untersuchung psychosoziale Faktoren wie emotionales Wohlbefinden, soziale Funktionsfähigkeit und Lebensqualität. Viele Effekte traten bereits in den ersten drei Monaten auf.
„Die Pflege nur richtig organisieren“
Neben den pflegerischen Effekten untersuchte das Projekt auch rechtliche und wirtschaftliche Fragen. Denn gute Ideen scheitern im Pflegesystem oft daran, dass sie personell oder finanziell nicht tragfähig sind. Die Forschenden kommen jedoch zu einem klaren Ergebnis: Das Verfahren sei mit den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs vereinbar und könne innerhalb bestehender Finanzierungsstrukturen umgesetzt werden. „Die Refinanzierung des SGB XI ist auskömmlich, wenn man die Pflege nur richtig organisiert“, sagt Prof. Dr. Martin Heckelmann, Projektleiter von der HTW Berlin. Denn auch wirtschaftlich sieht die Studie Vorteile: Die beteiligten Einrichtungen verzeichneten eine geringere Fluktuation und deutlich weniger Krankheitstage als im Branchendurchschnitt. Zudem kann auf teures Personalleasing verzichtet werden. Dadurch werden Zeit und Mittel für Sport und Coaching frei.
Ein anderes Bild vom Alter
Hinter den Zahlen steckt letztlich eine größere gesellschaftliche Frage: Wie sehen wir alte Menschen? Die Domino Coaching Stiftung wirbt dafür, Pflege nicht als Verwaltung von Defiziten zu verstehen, sondern als Prozess, der Entwicklung weiterhin möglich macht. Dass dieses Denken zunehmend Aufmerksamkeit bekommt, zeigt auch die geplante Fachtagung „Wind of Change 2026“ in Berlin. Dort diskutieren Wissenschaftler*nnen, Pflegeexpert*innen und Praktiker*nnen über neue Wege in der Altenpflege. Moderiert wird die Veranstaltung wieder von Prof. Dr. Martin Heckelmann. Für die Forschenden der HTW Berlin ist die Studie deshalb mehr als ein einzelnes Pflegeprojekt: Sie ist ein Beitrag zu einer grundsätzlichen Debatte darüber, wie Pflege in einer alternden Gesellschaft aussehen kann – und welche Potenziale es noch zu heben gilt.
