Marlene Zeitler
Marlene Zeitler
Marlene Zeitler strahlt. Und hat dazu allen Grund: Ihre Dissertation ist erfolgreich verteidigt, im Hintergrund quäkt fröhlich ein Baby, im Oktober 2026 tritt die frischgebackene Inhaberin eines Doktortitels eine Assistant Professur an der KEDGE Business School im französischen Bordeaux an. Dort wird Marlene Zeitler nicht nur lehren, sondern vor allem weiter zu ihrem Leib- und Magenthema forschen: Nachhaltigkeit im Lieferkettenmanagement. Was sie daran spannend findet und welche Erkenntnisse sie gewonnen hat, verrät sie im Interview. Marlene Zeitler hat ihren Bachelor im Studiengang Betriebswirtschaftslehre an der HTW Berlin gemacht und ihren Master an der Universität Ulm. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin kehrte sie 2022 zu Prof. Dr. Julia Schwarzkopf in den Fachbereich 3 zurück. Von ihr wurde sie bei der kooperativen Promotion betreut. Erstbetreuer war Prof. Dr. Martin Müller von der Uni Ulm.
Dürfen Sie sich schon Dr. Zeitler nennen?
Noch nicht, nein. Der administrative Haken fehlt noch, nämlich die Veröffentlichung der Dissertation auf der Webseite der Uni Ulm. Aber ich rechne täglich damit. Noch habe ich keinen Titel, sondern nur eine vorläufige Urkunde.
Lieferkettenmanagement ist ein topaktuelles Thema!
Oh ja, es tut sich gerade enorm viel. Seit einigen Jahren entstehen in Deutschland, auf EU-Ebene und weltweit immer mehr Erwartungen und Gesetze, die Unternehmen dazu anhalten, Maßnahmen zu ergreifen, um problematische Arbeits- und Lebensbedingungen in ihren Lieferketten zu verbessern. In vielen Unternehmen hat das Thema deshalb einen festen Platz, es gibt eigene Verantwortliche, Berichte werden erstellt und erhebliche Ressourcen in Audits, Trainings und weitere Maßnahmen investiert. Die interessante Frage ist aber dabei: Was bewirken all diese Maßnahmen tatsächlich für diejenigen in den Lieferketten, die unter schwierigen Bedingungen arbeiten und leben? In der Wissenschaft sprechen wir von Impact. Das ist die Frage, auf die ich eine Antwort geben möchte, auch in meiner Dissertation. Kleiner Spoiler an dieser Stelle: Bislang wissen wir es leider nicht.
Man weiß nichts über die Wirkung? Das müssen Sie erklären!
Unternehmen kennen natürlich die Regeln, die sie in puncto Lieferketten einhalten müssen und wissen, was sie dafür tun. Aber sie wissen nicht, welche Wirkung ihre Aktivitäten haben. Das ist auch total schwierig, weil ziemlich offen ist, was unter Impact im nachhaltigen Lieferkettenmanagement zu verstehen ist. Es geht um Verbesserungen, ja, aber welche genau? Und wie misst man, ob diese Verbesserungen tatsächlich erreicht wurden? Darauf suche ich nach Antworten. Für meine Dissertation habe ich übrigens gemeinsam mit verschiedenen Wissenschaftler*innen gearbeitet und publiziert.
Was haben Sie genau gemacht?
Wir haben die Unternehmen direkt befragt, genauer gesagt: Unternehmen der deutschen Automobilindustrie, wo die Lieferketten besonders komplex sind. Sie müssen sich vorstellen, dass hier bei einem einzigen Hersteller mehrere 10.000 direkte Zulieferer zusammenkommen – und das sind nur die, zu denen eine unmittelbare Vertragsbeziehung besteht. Dahinter liegen noch zahlreiche weitere Stufen der Lieferkette. Befragt haben wir nicht nur die großen Brands, sondern eine ganze Palette an Zulieferern, von Schrauben über Reifen und Elektronik bis zu Textilien und spezifischen Mineralien. Insgesamt haben wir über 60 Interviews geführt, mal mit Verantwortlichen im Bereich Nachhaltigkeit, mal mit Mitarbeiter*innen aus dem Bereich Compliance, aber auch mit Einkäufer*innen und anderen Akteur*innen. Denn wir wollten möglichst viele Perspektiven erfassen.
Welche Fragen haben Sie gestellt?
Wir wollten beispielsweise wissen, auf welchem Weg die Unternehmen Informationen zu ihren Lieferketten beschaffen, wie sie mit Kunden und Lieferanten zusammenarbeiten, was sie selbst unter Wirkung verstehen, ob sie diesbezüglich mit Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) kooperieren und dergleichen. Wir hatten einen Interviewleitfaden, hielten die Gespräche aber bewusst offen, um auch auf neue Aspekte eingehen zu können. Alles wurde aufgezeichnet und mit einer Datenanalyse-Software ausgewertet, natürlich vollständig anonymisiert.
Und wie wurden Sie von den Unternehmen empfangen?
Total offen und kooperativ. Mit einigen Unternehmen konnten wir auch mehrere Interviews mit unterschiedlichen Vertreter*innen führen. Auf die Offenheit unserer Gesprächspartner*innen waren wir ehrlich gesagt auch angewiesen, um neue Erkenntnisse zu generieren. Man merkte, dass den Leuten etwas an dem Thema Nachhaltigkeit bzw. Wirkung im Lieferkettenmanagement liegt, und dass sie es verstetigen wollen. Sie wussten es deshalb zu schätzen, dass wir es mit unserer Befragung und wissenschaftlichen Verarbeitung quasi auf eine andere Flugebene bringen.
Der gute Wille ist also da, es bedarf keiner Regularien?
Darüber wird in der Wissenschaft tatsächlich kontrovers diskutiert. Ich persönlich glaube, dass wir ohne Regularien in punkto Nachhaltigkeit und Lieferketten wohl noch auf dem Stand von vor zehn Jahren wären. Aber die Regulatorik darf sich nicht verselbstständigen und zum Selbstzweck werden. Es geht nicht darum, Kennzahlen einzuhalten, Haken zu setzen und Berichte zu veröffentlichen. Es muss darum gehen, positive Wirkung zu erreichen. Und es müssen Ansätze entwickelt werden, so etwas auch messen zu können. In Projekten der Entwicklungszusammenarbeit wird Vergleichbares gemacht. Kriterien sind beispielsweise der Stand der Schulbildung, das Einkommen von Frauen etc. Wie man eine solche Messung auch für Unternehmen und die Nachhaltigkeit ihres Lieferkettenmanagements angehen kann, bleibt eine spannende Frage.
Grundsätzlich ist es superschwierig, rein aus Unternehmensperspektive in die Lieferkette reinzugehen. Als Beispiel: bei Unternehmen geht es gerne um Standardisierung und Skalierung. Impact hingegen entfaltet sich oft sehr langfristig, individuell und ist kontextabhängig. Das ist nicht einfach zusammenzukriegen. Aber trotz dieser Komplexität sollte man sich Wirkungsziele setzen. Was wollen wir prinzipiell erreichen? Dafür muss man ein gemeinsames Verständnis von Wirkung erarbeiten und Menschen, die sich damit beschäftigen, mit ins Boot holen. Ich meine damit sowohl die Akteur*innen in den Unternehmen, aber auch NGOs und die Menschen, die entlang der Lieferketten arbeiten. Da ist noch viel zu tun und ich freue mich, dass ich in der Forschung dranbleiben darf.
Mit wem würden Sie gerne einen Kaffee trinken?
Extrem cool wäre es, einen Iced Oat Cappuccino mit der amerikanischen Malerin Julie Mehretu zu trinken, und mit ihr über Kreativität, Inspiration, ihre Ideen und deren Übersetzung in Kunst zu sprechen. Ich finde nämlich, Kreativität kann man in den unterschiedlichsten Bereichen gebrauchen.




Die Fragen stellte Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation
Fotos: HTW Berlin/Alexander Rentsch
Berlin, 17. August 2026