Ein Dolmetscher für die deutsche Gebärdensprache
Ghayth Gabsi hebt den rechten Arm, bewegt die Finger und begleitet seine Gesten mit deutlicher Mimik. Verstehen würde ihn freilich nur, wer die Deutsche Gebärdensprache beherrscht. Gäbe es da nicht diese innovative App. Amine Ghodhben hat sie schon geöffnet. Er sitzt gegenüber und richtet das Smartphone auf Ghayth. Und siehe da: „Hallo, ich habe Hunger“, bekommt er zu lesen und/oder zu hören (je nach der von ihm gewählten Einstellung). Es hat wieder funktioniert, freuen sich die beiden Studenten der Ingenieurinformatik und ihre Kommilitonen Suhail Al-Dhubri und Ayham Salha. Zu viert haben sie die innovative App entwickelt. Beim “Informatiktag 2026” des Fachbereichs 4 landeten sie damit auf Platz 1.
"Wir wollten etwas Sinnvolles machen"
Aufregung und Begeisterung sind noch spürbar, wenn die vier von den Wochen berichten, die hinter ihnen liegen. Dass sie etwas Sinnvolles machen wollten, als im 5. Semester des Bachelor-Studiengangs das Modul „Fachübergreifendes Projekt“ auf dem Stundenplan stand. Dass jeder eine andere Idee hatte und dass sie sich schließlich für den Vorschlag von Suhail Al-Dhubri entschieden. Er hatte den Kommilitonen von dem Mann in seinem Heimatdorf erzählt, in dem er als Kind lebte. Der sprach nicht, sondern verständigte sich mit Gesten, und es wäre schön gewesen, ihn zu verstehen.
Einem sehr schwierigen Projektstart...
Also beschlossen sie: Wir entwickeln eine App für die Erkennung von Gebärdensprache! Prof. Dr. Mohammad Abuosba fand die Idee gut. Ein so cooles Projekt hätten ihm Studierende noch nie vorgeschlagen, habe er gesagt. Die Reaktion des Hochschullehrers machte sie stolz und flößte ihnen gleichzeitig Respekt ein. Zurecht, wie sich schnell herausstellte. Denn für die Erkennung der Deutschen Gebärdensprache waren keine öffentlich zugängliche Materialien oder Testbilder aufzutreiben, die sie in den zur Verfügung stehenden zwei Monaten nutzen konnten. „Beim ersten Sprint hatten wir nicht viel zu zeigen“, erinnert sich Amine Ghodhben. Alle dachten, das Team ist verloren. Doch Prof. Dr. Abuosba ermutigte seine Studierenden: “Was ihr machen wollt, ist echt neu. Und denkt dran, Ihr lernt sogar eine Gebärdensprache.”
... folgte eine innovative Entwicklung
Das war der Wendepunkt. Die vier eigneten sich mit Hilfe des Internets kurzerhand selbst einen kleinen Wortschatz an Deutscher Gebärdensprache an; vor allem Ghayth Gabsi wurde darin zum Meister. Abend für Abend nahm jeder in den eigenen vier Wänden unzählige Videos von sich selbst auf, wie er einschlägige Handzeichen machte, immer in Verbindung mit Mimik, Mundbild und Körperhaltung – den vier Grundpfeilern der Gebärdensprache. So entstand Schritt für Schritt ein eigenes Dataset mit 60 Begriffen bzw. Wörtern und ca. 3.000 Aufnahmen. Das allein genügte aber nicht. Weil Gebärdensprache anderen grammatikalischen Regeln folgt als die gesprochene Sprache, brauchte das Team ein Large Language Modell für die Übersetzung in jene verständlichen Texte, die später in der App erscheinen sollten. Hier kam praktische Hilfe von Prof. Dr. Christina Kratsch und Prof. Dr. Erik Rodner; beide verfügen als Mitglieder der hochschuleigenen KI-Werkstatt über große Expertise im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI).
Krönender Abschluss: Platz 1 beim "Informatiktag 2026"
Die vier kamen so gut voran, dass sie beim zweiten der in Projekten üblichen drei Sprints nicht mehr selbst präsentierten, sondern schon die App sprechen lassen konnten. „Unsere Kommilitonen waren genauso überrascht wie Herr Abuosba“, freut sich Ayham Salha noch immer über den „Coup“. Bis zum dritten und letzten Sprint wurde weiter an der App gefeilt; vor allem wuchs die Anzahl der Gebärden, die das Tool erkennen kann. Krönender Abschluss war der “Informatiktag 2026” im eigenen Fachbereich, als sie mit ihrer Entwicklung auf dem 1. Platz landeten.
"Da habt Ihr etwas richtig Gutes hingekriegt"
Ungewöhnliche vier Gigabyte groß waren das Lasten- und Pflichtenheft, die technischen Spezifikationen sowie die Qualitätssicherung und der technische Code – also die klassischen Bausteine bei einer Software-Entwicklung –, die sie schließlich zur Begutachtung durch Prof. Dr. Abuosba auf eine Plattform hochluden. Mit dem Ergebnis war auch er mehr als zufrieden. Die beste Note konnte der Hochschullehrer zwar nicht vergeben, weil in eine Gesamtbewertung alle Projektphasen einfließen müssen, ergo auch die Startprobleme. Doch Prof. Dr. Abuosba sparte nicht mit Lob (und die Studenten nicht mit Dank an ihren Professor). Da hätten sie etwas richtig Gutes hingekriegt. Er könne sich auch die Gründung eines Start-ups vorstellen.
Vielleicht geht ja ein Wunsch in Erfüllung
Doch erst einmal wollen alle vier Studenten einen guten Abschluss an der HTW Berlin machen. Immerhin treibt Amine Ghodhben das Thema in seiner Bachelorarbeit voran. Er ist inzwischen schon bei einem Umfang von 256 Wörtern angekommen. Und wer weiß: Vielleicht wird der Traum von Suhail Al-Dhubri irgendwann wahr und er kann sich mit dem Mann in der Stadt seiner Kindheit mit Hilfe der App verständigen?
Informationen rund um Gebärdensprache
Weltweit verständigen sich etwa 430 Millionen Menschen mithilfe von Gebärdensprachen. In Deutschland nutzen rund 200.000 Menschen die Deutsche Gebärdensprache (DGS), von denen etwa 80.000 gehörlos sind. Die Gebärdensprache ist dabei nicht universell: Es gibt weltweit etwa 300 verschiedene Varianten. Neben der Deutschen Gebärdensprache (DGS) gibt es im deutschsprachigen Raum unter anderem auch die Österreichische (ÖGS) und die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS). Gebärdensprache besitzt eine eigenständige Grammatik. Kernkomponenten sind Handform und Handausführung, das Fingeralphabet, Mimik und Mundbild, die die Grammatik oder die Bedeutung der Gebärde stützen.