Aus einer Militärmaschine wird ein Zivilflugzeug
Sie kam als ehemaliges Militärflugzeug: die Bücker Bü 181 Bestmann, ein Zweisitzer für die Ausbildung von Pilot*innen. Verlassen wird sie die HTW Berlin als Zivilmaschine aus den 1940-er Jahren, die nachträglich olivgrün angestrichen wurde. Dazwischen liegen unzählige Stunden restauratorischer Arbeit und eine Fachtagung mit dem beziehungsreichen Titel „Objekte, die lügen“. Eingeladen hatte Prof. Dr. Lutz Strobach, Experte für Technisches Kulturgut und Moderne Materialien im Studiengang Konservierung und Restaurierung/Grabungstechnik. In seinen Händen lag die Regie bei dem spannenden Restaurierungsprojekt. Inzwischen steht fest: Im Militärhistorischen Museum Berlin-Gatow, in das die Bücker Bestmann zurückkehren wird, hat das Exponat künftig eine andere Geschichte zu erzählen.
Brüche in den Tragflächen, Risse im Stoff
Die Identität des Flugzeugs zu klären, war gar nicht das eigentliche Ziel, erzählt Prof. Dr. Strobach. Das Militärhistorische Museum hatte den Studiengang um die fachgerechte Restaurierung seines Exponats gebeten: In den mit Stoff bespannten Tragflächen zeigten sich Brüche, das Gewebe der Sitze war aufgebrochen, die Bespannung hinter dem Cockpit gerissen, ihr Reißverschluss kaputt. Und dieser Verfall wäre ohne restauratorische Maßnahmen rasant fortgeschritten.
Restaurieren heißt nicht reparieren
Im März 2024 hatte man sich deshalb im Studiengang ans Werk gemacht. Der fotografischen Dokumentation folgten die Zerlegung des Flugzeugs, seine behutsame Reinigung, später die restauratorischen Arbeiten. Speziell für die textilen Fehlstellen holte Prof. Dr. Strobach seine Kollegin Prof. Dr. Lilia Sabantina mit Studierenden der Bekleidungstechnik / Konfektion ins Boot. Vieles ist inzwischen geschafft, einiges steht muss noch getan werden. „Reparieren geht definitiv schneller“, lächelt Prof. Dr. Strobach. Doch bei einer Restaurierung komme es darauf an, die historische Materialität eines Objekts so gut wie möglich zu erhalten und es für den späteren musealen Einsatz ertüchtigen, außerdem seine Geschichte zu erforschen.
Auch die Flugzeughistorie wurde erforscht
Womit wir beim Thema wären: Welche Geschichte hat die Bücker Bestmann eigentlich? Möglichst viel über die Herkunft eines Objekts in Erfahrung zu bringen, ist eine wichtige Aufgabe für die Restaurator*innen. Und wenn man diese Geschichte in Erfahrung gebracht hat: Wie macht man sie für das Museumspublikum lesbar? Diese alles andere als trivialen Fragen stellten sich im Laufe der Restaurierung. Denn: Thermografische Untersuchungen in der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung hatten den Blick unter den olivgrünen Anstrich und die schwarzen Großbuchstaben der Kennung NIFR ermöglicht. Und siehe da: Man sah die weiße Originallackierung sowie die Aufschrift DVL. Damit war klar, dass es sich bei der Bücker Bestmann mitnichten um eine Militärmaschine handelt, sondern um ein ziviles Flugzeug, das in den 1950-er Jahren für die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) flog, eine der Vorgängerinstitutionen des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Was folgt aus den Erkenntnissen?
Welche Konsequenzen waren nun daraus für die Restaurierung zu ziehen? Soll man den olivgrünen Anstrich erhalten und die Übermalung mit Hilfe von Augmented Reality sichtbar machen? Oder die ursprüngliche Aufschrift freilegen? Das Pro und Contra der Konzepte diskutierten Prof. Dr. Strobach und Expert*innen auf der Tagung „Objekte, die lügen“. Die Entscheidung traf schließlich das Militärhistorische Museum Berlin-Gatow, dem die Bücker Bestmann gehört: Bitte die Veränderung freilegen und dadurch sichtbar werden lassen, dass man dem Flugzeug irgendwann einmal mit dem Pinsel ein militärisches Outfit verpasst hat, um es in die Ausstellung zu integrieren.
Das Objekt als Quelle ernst nehmen
„Eine gute Entscheidung“, findet Prof. Dr. Strobach. Zeitgemäß sei sie außerdem, denn immer mehr Museen distanzierten sich von der viele Jahre gängigen Praxis, Objekte wenn nötig einfach passend zu machen, um den Besucher*innen möglichst gute Geschichten erzählen zu können. Dieses Interesse versteht der Experte für Technisches Kulturgut und Moderne Materialien durchaus. Doch das sei hochproblematisch, wenn man das Objekt als historische Quelle ernst nehme.
Freilegung mit Schleifvlies, Skalpell und Lösemittel
Genau das werden sie in Berlin-Gatow mit der Bücker Bü 181 Bestmann künftig tun, dank der Abschlussarbeit von Pelin Dietzen. Mit Schleifvlies, Skalpell und Lösemittel rückte die Masterstudentin der kleinen Fläche des Flugzeugs zu Leibe. 50 bis 60 Stunden verbrachte sie damit, den olivgrünen Lack mit größter Behutsamkeit abzutragen und die historische Aufschrift darunter freizulegen. Nicht eingerechnet ist da die Probereihe mit den Dummies, mit deren Hilfe die angehende Restauratorin die geeignete Methode dafür entwickelte.
Keine falsche Geschichte mehr
Eine falsche Geschichte erzählt das Flugzeug nach der Restaurierung an der HTW Berlin also nicht mehr. Welche Story das Museum daraus macht, wissen sie im Studiengang (noch) nicht. Auch Prof. Dr. Strobach ist neugierig. „Ich gehe davon aus, dass die Bücker Bestmann Ende 2027 vom Museum zurück nach Berlin-Gatow gebracht wird“, denkt er. Vielleicht klappe es sogar zum Flugplatzfest, das immer im September stattfindet.
