"Das Wichtigste ist, dass die Studierenden sich untereinander kennenlernen."

Andreas Zeiser ist Professor für numerische Mathematik und Modellierung im Fachbereich 1. Eine seiner Aufgaben ist es, Bachelor- und Master-Studierende im Bereich der Mathematik für Ingenieurwissenschaften auszubilden. Erfahren Sie in unserem neuen #HTWOnlineCampus-Podcast, welche Unterschiede er im Online-Semester bei Bachelor- und Master-Studierenden beobachtet hat, welche Formate zur Aktivierung von Studierenden er für besonders wirksam hält und wo er den größten Bedarf an Veränderungen für seine Lehre im Wintersemester 2020/21 sieht.

Podcast #HTWOnlineCampus

Kurzinterview

Lieber Andreas, das Sommersemester ist beendet. Wie bist Du mit Deiner Lehre zufrieden? Was hat gut funktioniert und wo siehst Du mit Blick auf das Wintersemester Bedarf für Veränderungen?
Alles in allem bin ich mit dem Verlauf des Semesters zufrieden. Mir war es von Beginn an wichtig, die Interaktion mit den Studierenden und untereinander am Laufen zu halten. Außerdem habe ich meine Kurse in Moodle so aufbereitet, dass von Beginn an alle relevanten Infos und Lernmaterialien für die Studierenden zur Verfügung standen. Das kam sehr gut an. So richtig Schwierigkeiten gab es eigentlich nur für die Studierenden im ersten Semester. Da hab ich das Gefühl, dass Einiges verloren gegangen ist.

Wie meinst Du das genau?
Ich habe meine Studierenden von Beginn an in Gruppen organisiert und die Gruppengröße so gestaltet, dass die einzelne Person nicht untergeht. Bei meinen Masterstudierenden hat das mit vier Personen pro Gruppe perfekt funktioniert. Rückblickend war diese Erfahrung das Beste in diesem Semester. Ich bin mit jedem und jeder Einzelnen ins Gespräch gekommen und hatte auch den Eindruck, dass sie richtig gut zusammengearbeitet haben. Bei den Bachelorstudierenden war das schon schwieriger. Gerade die Kommunikation untereinander in den Gruppen war sehr mühsam. Ich habe versucht, das Ganze durch gemeinsame Termine mit den Gruppen zu lösen. Aber das ist dann eher nach hinten losgegangen.

Welche Änderungen planst Du mit Blick auf das Wintersemester?
An zwei Dingen möchte ich konkret arbeiten. Erstens muss das bereitgestellte Material besser werden, also besser auf das eigenständige Lernen der Studierenden angepasst werden. Ich habe sehr stark auf die Wissensvermittlung mit Hilfe von Büchern gesetzt. Stattdessen werde ich mehr Videos anbieten. Und zweitens werde ich mehr kleine Aufgaben zur sofortigen Wissenskontrolle anbieten und diese als Voraussetzung für eine Prüfungsteilnahme definieren. So erhoffe ich mir mehr Verbindlichkeit in der Bearbeitung.

Hast Du dafür ein konkretes Beispiel?
Ja, ich arbeite im Flipped Classroom in jeder Selbstlernphase mit Aufgaben, die zum Abschluss vor der Online-Veranstaltung bearbeitet werden müssen. Dafür bekommen die Studierenden Punkte, die einen Teil der Abschlussnote ausmachen. Trotzdem war die Bearbeitung dieser Aufgaben für viele ein Problem. Da braucht es mehr Sichtbarkeit und einen aktiven Umgang mit Fehlern. So ist die Bearbeitung deutlich besser geworden, als ich Studierenden die Möglichkeit eingeräumt habe, mich bei konkreten Schwierigkeiten in der Bearbeitung per Mail zu kontaktieren. Das hat mir geholfen, ihre Probleme zu verstehen und ihnen gezeigt, dass sie lieber daran arbeiten und Fehler machen sollen, als gar nicht darüber nachzudenken oder die Lösungen woanders herzubekommen.

Wie hast Du Deine Studierenden in diesem Semester geprüft?
Ein Teil der Note, konkret 20 Prozent, konnte über die Bearbeitung dieser regelmäßigen Lernstandskontrollen erreicht werden. Ich habe mich etwas schwer mit den Online-Prüfungen getan, weil ich schon gerne besser kontrolliert hätte, wer da die Prüfung schreibt und unter welchen Bedingungen. Aus diesem Grund habe ich alle Studenten eine Hausarbeit schreiben lassen und zu den Arbeiten eine kleine Fragestunde organisiert, wo ich konkrete Fragen zum Inhalt stellen konnte.

Jetzt prüftst Du in einem Fachgebiet, dass eigentlich auch Rechenwege und Lösungsschritte bewertet. Im Allgemeinen lässt sich dieses Vorgehen in Moodle schwer abbilden. Wie hast Du diese Sache für Dich gelöst?
Ja, dass ist definitiv ein Problem. Ich hab das so gelöst, dass die Studierenden ihre Lösungen in Moodle wiederholt eingeben können. Sollte das erste Ergebnis nicht stimmen, erhalten sie für die zweite Eingabe 20% Punktabzug und so weiter. So berücksichtige ich indirekt mögliche Folgefehler und gebe, durch Hinweise in der Bearbeitung, die Chance, eigene Fehler in den Rechnungen zu erkennen. Für die Arbeit zu Hause finde ich das ausreichend. In einer Klausur habe ich die Situation berücksichtigt, indem ich große Aufgaben in kleinen Teilschritten bearbeiten ließ. Das funktioniert gut, hat aber das Problem, dass dadurch der Blick auf das große Ganze verlorengeht. Aber diese Form von Leistungskontrolle lässt sich ja durch die Hausarbeit umsetzen.

Nun wird es im Wintersemester kleine Ansätze geben, Präsenzlehre anzubieten. Hast Du Ideen, wofür Du die Zeit nutzen würdest?
Momentan bin ich da noch etwas ratlos. Selbst wenn ich in kleinen Gruppen mit fünf Personen in einem Raum unterrichte, müsste ich den Abstand, auch unter den Studierenden, berücksichtigen. Das macht gemeinsames arbeiten zum Beispiel nur an der Tafel möglich. Ich denke, die Präsenzzeit wäre demnach gut dafür eingesetzt, dass die Studierenden sich kennenlernen. Es ist einfach wichtig, dass sie eine persönliche Beziehung zueinander aufbauen. Das beeinflusst den weiteren Studienverlauf entscheidend.