Weniger ist mehr: Frugal Real Estate

Ein frugales Mahl nimmt man ja öfter ein. Sprich: ein Essen mit wenigen, aber preiswerten Zutaten, womöglich sogar mit Resten, die andernfalls im Kühlschrank verderben würden. Doch was muss man sich unter "Frugal Real Estate" vorstellen? Diesem Thema haben die beiden Immobilienexpertinnen Prof. Dr. Regina Zeitner (HTW Berlin) und Prof. Dr. Marion Peyinghaus (hochschule 21) ihre neueste Studie gewidmet. Was dahinter steckt und welche interessanten Perspektiven sich für die Zukunft der Branche eröffnen, erläutern die beiden Wissenschaftlerinnen im Interview. Das Duo kooperiert seit vielen Jahren unter dem Dach des Competence Centers Process Management Real Estate. Die Studie steht ab sofort zum Download zur Verfügung.

Bitte erklären Sie den Begriff „Frugal Real Estate“!

Prof. Dr. Regina Zeitner: "Frugal Real Estate" ist ein Konzept für die Immobilienbranche, welches das Prinzip der Ressourcen-Minimierung verfolgt. Konkret bedeutet dies eine Reduktion von Zeit, Kapital und Materialeinsatz über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Dies gilt sowohl für die Gestaltung von Immobilien als auch für die Aktivitäten innerhalb der Immobilienunternehmen. Es kann dabei um den Bau oder – noch besser - eine optimierte Nutzung bereits bestehender Immobilien gehen, aber auch um die Verschlankung der Unternehmensprozesse.

Prof. Dr. Marion Peyinghaus: In einer frugalen Immobilie wird Wert auf Langlebigkeit und Funktionalität gelegt, ohne unnötigen Luxus, was oft in einer einfacheren, aber durchaus komfortablen Art von Wohn- oder Arbeitsraum resultiert. Ziel ist es, erschwinglichen Wohnraum zu schaffen, der gleichzeitig umweltfreundlich und ressourcenschonend ist, was sowohl finanzielle als auch ökologische Vorteile bringen kann.

Ist das schon ein Trend oder noch Zukunftsmusik?

Prof. Dr. Zeitner: Das ist definitiv ein Trend. Nach Jahrzehnten des stetigen Wachstums vollzieht sich ein Wandel und das Weniger steht im Vordergrund. Der neue Wunsch nach Einfachheit hat auch die Immobilienwirtschaft erfasst: „Doing less, but better“ lautet die Devise. Unsere Erkenntnisse basieren auf einer quantitativen Marktanalyse, die im Zeitraum September bis Oktober 2024 vorgenommen wurde. Den Fragebogen haben 357 Expert*innen der Wirtschaft, also Fach- und Führungskräfte der Immobilienbranche in Deutschland Österreich und der Schweiz ausgefüllt – das ist die sogenannte DACH-Region - sowie 132 Vertreter*innen der Generation Z. Dabei handelt es sich um Studierende immobilienwirtschaftlicher Studiengänge, denn wir wollen die Perspektive der Mieter*innen und Mitarbeiter*innen von morgen integrieren. In China haben sich insgesamt 23 Immobilienexpert*innen beteiligt.

Sie schauen auch nach China, warum?

Prof. Dr. Peyinghaus: Ganz einfach: um den Erfahrungsschatz aus regionalen Wissensclustern zu nutzen. Die Wirtschaft in China verliert an Schwung, sodass auch dort dringend Konzepte für ein Weniger gebraucht werden. Unsere Forschungsergebnisse zeigen Gemeinsamkeiten im Immobilienmanagement, aber auch große Unterschiede zwischen den Märkten. So setzt man in der DACH-Region auf lange Nutzungsdauer und flexible Gebäudestrukturen. China favorisiert kurze Immobilien-Lebenszyklen und baut Kompetenzen im Recycling auf.

Was spricht für Frugal Real Estate?

Prof. Dr. Peyinghaus: Die Immobilienwirtschaft erlebt gerade nicht ihre besten Zeiten. Die Nachfrage im Markt von Seiten Investoren und Mietern stockt und zugleich gestalten sich die Prozesse in den Unternehmen nicht effizient. Wir haben Ineffizienzen in Höhe von 16 Prozent festgestellt, was einer Mehrarbeit von 6,2 Stunden pro Woche entspricht. Das liegt nach Ansicht der von uns Befragten vor allem an den sogenannten externen Komplexitätstreibern wie bspw. Regularien. Die Ergebnisse verweisen aber als Ursache auf andere Themen: unklare Strategien, zähe Entscheidungsprozesse, sinnlose Arbeitsaufgaben, ein ausuferndes Sitzungswesen, mangelnde Datenqualität und vor allem eine Vermeidungs- und Verhinderungskultur. Das Problem ist also „hausgemacht“. Das Gute daran: Wir können es selbst lösen!

Prof. Dr. Zeitner: Auch in dem Steuerungsausschuss, der unsere Arbeit begleitet und unterstützt – er setzt sich aus renommierten Fach- und Führungskräften der Immobilienwirtschaft zusammen - ist die neue Einfachheit ein zentrales Thema. Alle sind sich einig, dass Potenzial zur Verschlankung in der komplexen Wertschöpfungskette in der Immobilienwirtschaft besteht und dass man dieses Potenzial jetzt heben muss.

Welches Potenzial haben Sie dafür identifiziert?

Prof. Dr. Zeitner: Die Reduktion von Wohn- und Büroflächen beispielsweise. Dafür besteht bei den Teilnehmenden eine hohe Bereitschaft. Würde dieses Reduktionspotenzial realisiert, entstünde rein rechnerisch ein Angebot von über 3,9 Millionen Wohnungen. Das wäre eine echte Chance zur Lösung der Wohnungsnot. Für die Immobilienwirtschaft weniger erfreulich ist die Entwicklung bei den Büroflächen, sie geht von einer Reduktion von 13 Prozent aus. Dieser Fakt wird von der Generation Z aufgenommen – sie wünscht sich eine Umwandlung dieser freigewordenen Flächen in Werkswohnungen.

Prof. Dr. Peyinghaus: Im Bereich Wohnen sind neue Sharing-Konzepte für Arbeitszimmer wie bspw. Coworking im Quartier oder auch Grünflächen gefragt. Eine noch größere Nachfrage an gemeinschaftlich genutzten Flächen besteht für Büros. Lösungen für konzentriertes Arbeiten, interaktive Kollaboration und sozialen Austausch sind gefordert.

Würde die Immobilienwirtschaft von Frugal Real Estate auch finanziell profitieren?

Prof. Dr. Zeitner:  Ja, Mietpreisaufschläge stehen in Aussicht und die Unternehmensergebnisse der Pioniere liegen deutlich über dem Branchendurchschnitt.