Hackathon bei Toll Collect: Studierende tüfteln an datenbasierten Anwendungen
Drei Tage, acht Teams, ein Datenschatz aus Millionen Lkw-Kilometern: Beim Hackathon „Mobilitätsdaten mit Mehrwert“ vom 22. bis 24. April 2026 entwickelten HTW-Studierende Ideen, wie aus offenen Daten konkrete Lösungen werden. Von dynamischen Mautpreisen zur Verkehrslenkung bis zur Routenplanung in Krisensituationen – und einer Jury, die genau hinschaut. Der Hackathon ist Teil einer Lehrveranstaltung unter Leitung von Prof. Dr. Florian Koch. Dr. Claudia Elif Stutz, Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, zeichnete zusammen mit HTW-Präsidentin Prof. Dr. Annabella Rauscher-Scheibe vier Teams mit Preisen aus.
Wenn 15 Minuten entscheiden
Im Konferenzraum 135/136 bei Toll Collect am Potsdamer Platz wird es still, als die erste Präsentation beginnt. Zehn Minuten haben die Teams, um ihre Idee zu erklären. Danach folgen fünf Minuten Fragen – oft die entscheidenden.
Zwei Tage lang haben rund 50 Studierende der HTW Berlin aus verschiedenen Studiengängen auf genau diesen Moment hingearbeitet. Bei der Toll Collect GmbH in Berlin entwickelten sie datenbasierte Lösungen für reale Probleme: Staus, Unfälle, Extremwetter, überlastete Infrastruktur oder Mikroplastik auf Agrarflächen. Toll Collect-Expert*innen standen ständig für technische Fragen zur Verfügung. Jetzt sitzt den Studierenden eine siebenköpfige Jury gegenüber – Frauen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sie diskutieren, haken nach, denken die Ideen weiter. Im Publikum wartet schon das nächste Team auf seinen Auftritt.
Worum es beim Hackathon geht
Die Ausgangslage: Das Mautsystem von Toll Collect erfasst täglich über 100 Millionen Lkw-Kilometer. Diese Daten sind öffentlich zugänglich und lassen sich mit anderen offenen Datensätzen kombinieren. Das können zum Beispiel Wetter- oder Geodaten sein, Baustelleninformationen oder der Unfallatlas, der Daten zu Verkehrsunfällen erfasst. Die Aufgabe für die Studierenden: Nicht neue Daten erheben, sondern vorhandene sinnvoll nutzen – und daraus gesellschaftlichen Mehrwert schaffen.
Bewertet wird nach fünf Kriterien:
- gesellschaftlicher Nutzen
- Innovationsgrad
- technische Umsetzbarkeit
- Wirkungspotenzial
- Qualität des Pitches
Acht Teams aus jeweils fünf bis sieben Studierenden stellen sich dieser Herausforderung.
Platz 1: EcoToll – Wenn Nachhaltigkeit günstiger wird
Was wäre, wenn nicht die schnellste Route die beste ist – sondern die nachhaltigste? Gängige Routenplaner schlagen jeweils die aktuell schnellste Strecke vor. Das Team EcoToll stellt genau diese Logik infrage. Ihr Ansatz: ein dynamisches Preismodell für die Lkw-Maut. Statt fixer Kosten variiert der Preis je nach Strecke, Tageszeit und Auslastung der Infrastruktur.
Die Idee dahinter ist einfach – es geht um die ökologische Lenkungswirkung der Maut. Wer eine weniger belastete, umweltfreundlichere Route wählt, zahlt weniger – ist unter Umständen dafür aber etwas länger oder zu anderen Tageszeiten als ursprünglich geplant unterwegs.
Im Pitch zeigen die Studierenden einen funktionierenden Prototyp. Einfach Start- und Zielort eingeben und schon stellt das Tool verschiedene Routenoptionen und Abfahrtszeiten zur Wahl. Der Mautpreis ist jeweils unterschiedlich. Verkehrsbelastung, Rastplätze, Fahrzeit – alles fließt ein. Die Jury ist überzeugt. Ein Moment bleibt besonders hängen: Als eine Jurorin von der kurzen Entwicklungszeit spricht, zeigen alle im Team lachend auf einen Kommilitonen – offenbar derjenige, der den Prototyp in einer Nachtschicht fertiggestellt hat.
Das studentische Team:
- Jannis Verlage
- Merve Sude Dikyar
- Martha Charlotte Euler
- Alexander Martin Jäger
- Caner Celik
- Lam Anh Nguyen
- Hannes Malte Ritter
Platz 2: NoRi – Routenplanung im Ausnahmezustand
Die Präsentation beginnt nicht mit einer Folie, sondern mit einer Nachrichtensendung.
Eine Sprecherin berichtet von einem schweren Unwetter, gesperrten Straßen, chaotischen Verkehrsverhältnissen. Für einen Moment wirkt es, als säße das Publikum vor dem Fernseher – nicht in einem Konferenzraum. Dann steigt das Team NoRi ein. NoRi steht für „No Risk“ und entwickelt ein System für sichere Routenplanung bei Extremwetterlagen. Die Idee: Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführen – Toll Collect, der Deutsche Wetterdienst, die Warn-App NINA und der Unfallatlas fließen ein. Das Ergebnis ist ein Werkzeug, das vor allem für Katastrophenschutz, Polizei oder systemrelevante Lieferketten gedacht ist. Nicht die schnellste Route zählt hier, sondern die sicherste. Die Inszenierung wirkt – und bleibt im Gedächtnis.
Das studentische Team:
- Dario Brück
- Felicitas Buder
- Felix Hundertmark
- Lara Werndl
- Luise Wehrens
- Sonja Gaube
Platz 3: Staupilot – Orientierung für den Schwerlastverkehr
Staus sind Alltag – besonders für Lkw-Fahrer*innen. Doch der Fokus gängiger Navigationssysteme liegt rein auf der Ankunftszeit und nicht auf den besonderen Anforderungen von Lkws. Der Staupilot setzt genau hier an.
Das Team entwickelt ein digitales Leitsystem speziell für den Schwerlastverkehr. Es nutzt Maut- und Verkehrsdaten, um frühzeitig auf Staus hinzuweisen. Anders als klassische Systeme reagiert die Anwendung nicht nur auf aktuelle Daten, sondern versucht, Entwicklungen vorherzusagen. Fahrer*innen erhalten zum Beispiel Informationen, wie sich die Auslastung der Rastplätze im vor ihnen liegenden Streckenabschnitt voraussichtlich entwickeln wird. So können sie besser entscheiden, ob sie trotz Stau weiterfahren oder den nächsten oder einen späteren Rastplatz ansteuern – und dort auch eine Chance auf einen Stellplatz haben.
Das studentische Team:
- Mark Hubert
- Jan Ruthenberg
- Kainaat Javaid
- Meitiara Effendi
- Laura Wozniak
Sonderpreis: Die Autonomen – Daten als zusätzliche „Sinnesquelle“
Autonomes Fahren braucht vor allem eines: verlässliche Informationen. Das Team “Die Autonomen” denkt die Toll-Collect-Daten als zusätzliche Datenquelle – ergänzend zu GPS, Wetter- und Verkehrsdaten. Ihr Ziel: Systeme für autonomes Fahren robuster und präziser machen: „Die Straße der Zukunft beginnt mit der Infrastruktur von heute“ fasst die Gruppe ihren Vortrag zusammen. Überzeugend ist nicht nur die Idee, sondern auch der Auftritt: Das Team überzeugt mit einer klar strukturierten Präsentation, in der alle Mitglieder eingebunden sind. Die Jury würdigt genau das – und vergibt einen Sonderpreis für herausragende Teamarbeit.
Das studentische Team:
- Uri Dittmar
- Björn Ehritt
- Emily Fuisting
- Justin Gebert
- Atanas Marinov
- Cong Nhat Nam Phan
Eine Jury, die genau hinschaut
Nach den Pitches zieht sich die Jury zurück. Die Diskussion ist intensiv, die Fragen zuvor waren es auch. Die Jurorinnen tauschen bis zur letzten Minute Argumente aus, dann fällt die Entscheidung – und die Preisverleihung beginnt. Staatssekretärin Dr. Claudia Elif Stutz findet klare Worte: Die Qualität der Projekte sei beeindruckend, gerade mit Blick auf die kurze Zeit. Alles sei in nur zwei Tagen entstanden – „und vielleicht auch in einer Nacht“. Im Raum wird gelacht. Gleichzeitig wird deutlich, was hier passiert ist: Studierende haben aus abstrakten Datensätzen Ideen für konkrete Anwendungen entwickelt. Vielleicht ist das der wichtigste Moment dieser drei Tage: Nicht die Preisverleihung, sondern der Augenblick, in dem klar wird, dass diese Lösungen nicht theoretisch bleiben müssen.
