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Ein Regelwerk gegen Gewalt im Sport

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat ihn „Safe Sport Code“ genannt. Die 21 Artikel des Regelwerks mitsamt Erläuterungen, Anmerkungen und Anhang füllen derzeit stolze 58 Seiten. Es handelt sich um Ver- und Gebote, Vorschriften und Verfahren, die Sportverbänden und Sportvereinen dabei helfen sollen, interpersonale Gewalt zu bekämpfen bzw. einen angemessenen Umgang für die Fälle zu finden, in denen es zu Verfehlungen gekommen ist. „Das ist ein gesellschaftlich höchst relevantes Thema“, findet Prof. Dr. Caroline Dressel. Als der DOSB die Evaluation des noch jungen Regelwerks öffentlich ausschrieb, zögerte die Juristin nicht, sich mit einem Team darum zu bewerben. Bis September 2026 begleitet die Expertin für Arbeits- und Sozialrecht im Studiengang Wirtschaftsrecht der HTW Berlin die erste Evaluation des Safe Sport Code, gemeinsam mit der Unternehmensberatung Prognos AG. Wie sie das genau anstellen und worauf es ankommt, verrät Prof. Dr. Dressel im Interview.

Vorneweg: Sind Sie selbst Sportlerin?

Prof. Dr. Caroline Dressel: Ich treibe keinen Vereinssport, trainiere aber gerade mit Freunden für einen Triathlon, komme mit dem Rad zur Hochschule und nehme gerne die Treppen zu meinem Büro in der 8. Etage. Ich interessiere mich sehr für Sport, insbesondere den Fußball, habe an der Deutschen Sporthochschule Köln promoviert und war vor meiner Berufung an die HTW u.a. in einer Sportrechtskanzlei tätig. Kurioser Zufall: Mein Doktorvater ist Autor des Safe Sport Code, das sorgt natürlich für eine besondere Nähe zur Materie. Mit Prognos wiederum hatte ich schon als Anwältin Kontakt, so kam es zur gemeinsamen Bewerbung beim DOSB um die Evaluation.

Warum muss der Safe Sport Code überhaupt evaluiert werden?

Tatsächlich wurde das Regelwerk im Dezember 2024 von der Mitgliederversammlung des DOSB bereits verabschiedet. Doch es gab damals trotz vorheriger Abstimmung mit diversen Stakeholdern vereinzelt Kritik, beispielsweise auch in der Presse. Weil der DOSB aber möchte, dass der Code breite Zustimmung genießt und in der Praxis umgesetzt werden kann, wurde festgelegt, dass dieser bereits innerhalb von zwei Jahren evaluiert wird. So sollen wirklich alle Anregungen, Vorschläge und Bedenken der Stakeholder integriert werden. Das tun wir seit Oktober 2025, der Zeitplan ist ziemlich straff.

Wie gehen Sie diese Evaluation an?

Die Evaluation wurde in drei Phasen aufteilt: In Phase 1 gab es eine Online-Befragung zu jedem einzelnen der 21 Artikel. Wir wollten wissen, wo Verbände und Vereine Schwierigkeiten sehen, ob sie einen bestimmten Aspekt vermissen oder sonst noch Klärungsbedarf haben. Mehr als 15 Stakeholder machten in den ca. zwei Monaten Eingaben. Die meisten können wir aufgreifen, in einigen Fällen genügte ein Hinweis auf die Erläuterungen, in denen die Fragen eigentlich schon beantwortet waren. Es ist wirklich ein sehr umfassendes Regelwerk.

Derzeit sind wir in Phase 2. Bis Juni 2026 werden die Eingaben direkt mit den Stakeholdern an Runden Tischen ausführlich durchgesprochen. Der DOSB hat sich im Vorhinein intensiv mit den Eingaben befasst und wird entsprechend Vorschläge für die praktische Umsetzung machen können. Ich werde bei allen Terminen dabei sein und die Umsetzungsvorschläge neutral bewerten. 

Die Debatten selbst verfolgt zu haben, ist wichtig für die dritte Phase, in der ich als Juristin gefragt sein werde. Es gilt, alle Änderungen stimmig und widerspruchsfrei in den bestehenden Safe Sport Code zu integrieren. Das wird auch ein wenig Fleißarbeit sein, und ich bin deshalb froh, dass dieser Job in die vorlesungsfreie Zeit fällt. Dieses Timing hatte ich bei der Annahme des Auftrags tatsächlich im Auge. 

Wann kommen Sie auf die Zielgerade?

Im Herbst 2026, so der jetzige Plan, soll der alte, neue Safe Sport Code von der Mitgliederversammlung des DOSB beschlossen werden, hoffentlich in der gewünschten Einstimmigkeit und Zufriedenheit. Dieses Regelwerk soll wirklich für die Praxis taugen, und Verbände und Vereine in die Lage versetzen, interpersonale Gewalt im Sport frühzeitig zu erkennen und bei Bedarf zu sanktionieren. Entweder sie rufen dafür selbst Untersuchungsteams ins Leben, oder aber sie verweisen an das Zentrum für Safe Sport, das nach dem Willen der Bundesregierung 2027 in den Regelbetrieb gehen soll.

Dass ich als Professorin und Juristin zu einem Thema wie dem Safe Sport Code meine Expertise beisteuern kann, finde ich toll. Ich bin nämlich nicht nur großer Sportfan, sondern auch Feministin, und ich weiß um das immer noch große Machtgefälle zwischen den Geschlechtern in Sport und Gesellschaft. Ich unterstütze beispielsweise auch die Feminist Law Clinic, in der Jurastudierende kostenlose Rechtsberatung für Frauen und queere Personen geben, die Nachteile aufgrund ihres Geschlechts erfahren. Außerdem wirke ich an der Erstellung der HTW-Satzung für Antidiskriminierung und Diversität mit. 

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