Die Immobilienwirtschaft hat Innovationsbedarf
Sie wollen mit ihren Studien am Puls der Zeit sein: Prof. Dr. Regina Zeitner (FB 2) und Marion Peyinghaus (hochschule 21). Für ihren jährlichen PMRE-Monitor befragen die beiden Wissenschaftlerinnen etwa 200 Fach- und Führungskräfte der Immobilienwirtschaft sowie den Branchennachwuchs in Gestalt von mehr als 100 Studierenden, dies in Deutschland, Österreich und der Schweiz, also der sogenannten DACH-Region. Die neueste Marktanalyse widmet sich dem Innovationsbedarf der Branche. Der ist hoch, resümiert das Duo. Aber: Die Unternehmen müssten bei Investitionen in Innovationsprojekte der richtigen Spur folgen. Welche vielversprechend sind, erläutern die Wissenschaftlerinnen im Interview. Sie wurden bei ihrer Befragung von der Baseler Unternehmensberatung CCTM Real Estate & Infrastructure unterstützt.
Warum rücken Sie das Thema Innovationen in den Mittelpunkt?
Prof. Dr. Zeitner: Weil die Immobilienbranche stagniert und großen Innovationsbedarf hat. Das war auch die Überzeugung unseres Steuerungsausschusses, dem wir jedes Jahr mehrere Themen für unsere Studie vorschlagen. Ich will nur eine Zahl nennen: Allein in Berlin stehen 1,8 Millionen Quadratmeter Bürofläche leer, trotzdem wird weiter gebaut, weil eben viele Projekte schon in der Pipeline waren und noch sind.
Prof. Dr. Peyinghaus: Die Optionen für innovatives Handeln sind vielfältig. Aber: Wohin sollen Investitionen gelenkt werden, wodurch werden sie erfolgreich? Darauf wollen wir Antworten geben. Wir konzentrieren uns in der Analyse auf drei Fragen: Welche Innovationen steigern die Attraktivität und Werthaltigkeit von Immobilien? Wie werden Immobilienunternehmen innovativer und dadurch erfolgreicher? Und welche Rolle spielt dabei künstliche Intelligenz?
Wird überhaupt in Innovationen investiert?
Prof. Dr. Peyinghaus: Oh ja. Nach Auskunft der Studienteilnehmer*innen werden in Relation zum Jahresumsatz etwa sechs Prozent in Innovationsvorhaben investiert. Allerdings scheitern nach Einschätzung desselben Personenkreises 44 Prozent der einschlägigen Innovationsprojekte. Daraus ergeben sich – rein rechnerisch - enorme kalkulatorische Fehleinnahmen in Höhe von mehr als 18 Milliarden Euro.
Finanzen sind also nicht der Engpass?
Prof. Dr. Zeitner: Nein, Innovationen scheitern in der Regel nicht am Geld. Wichtiger für das Gelingen ist ein strukturierter Innovationsprozess, und der wird immer wieder behindert. Die gravierendsten Störfaktoren sind nach Aussagen der Befragten ein fehlendes Commitment des Managements oder eine Beharrungskultur. Nicht das Budget ist entscheidend, sondern die Organisation. Innovation entsteht vor allem dort, wo das Management die Mitarbeitenden bei der Verwirklichung von Ideen und Innovationen unterstützt!
Prof. Dr. Peyinghaus: Überrascht hat uns in diesem Zusammenhang das Ergebnis, dass offenbar weder die Stadt noch die Lage nennenswerten Einfluss haben auf die Kreativität der Beschäftigten, sehr wohl aber die Arbeitsumgebung. Mit anderen Worten: Innovative Bürolösungen fördern die Produktivität, Effizienz und Unternehmenskultur.
Welche Trends treiben Innovationen voran?
Prof. Dr. Peyinghaus: Zuallererst die Digitalisierung in sämtlichen Facetten. Dann das Thema Künstliche Intelligenz, und schließlich der demografische Wandel. Stichworte sind hier der Fachkräftemangel oder auch die Zukunft der Rentensysteme.
Prof. Dr. Zeitner: Vor einigen Jahren noch war Nachhaltigkeit ein Megatrend, doch er hat eindeutig an Dynamik verloren. Allerdings haben wir bei diesem Thema einen Unterschied zwischen den von uns befragten Gruppen festgestellt. Fach- und Führungskräfte messen der Nachhaltigkeit heute geringere Bedeutung bei als früher; für Studierende immobilienwirtschaftlicher Studiengänge hat er nach wie vor hohe Priorität. Unseres Erachtens sollte die Immobilienwirtschaft die Bedürfnisse der Gen Z ernst nehmen, um nicht den Verlust künftiger Mieter*innen und Mitarbeiter*innen zu riskieren.
Kommen wir zum Thema Künstliche Intelligenz...
Prof. Dr. Zeitner: KI ist eindeutig ein Innovationsmotor. Sie wird helfen, viele Prozesse zu verbessern und Neuerungen hervorbringen. Mein Favorit wäre ja eine Plattform für den Tausch von Wohnungen. Aber auch leerstehende Büroflächen schreien geradezu nach Innovationen. Wenn man sich vor Augen führt, dass in den sogenannten Big 7 Standorten in Deutschland, also Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, München und Stuttgart, acht Prozent aller Büroflächen leer stehen! Was für eine Vergeudung von Ressourcen.
Prof. Dr. Peyinghaus: Aber KI wird die Branche auch zu fundamentalen Veränderungen zwingen. Manche Aufgaben werden noch lange oder immer von Menschen erledigt werden müssen, andere bald nicht mehr. Die Befragten erwarten, dass KI den Personalbedarf um etwa 25 Prozent reduzieren wird. Da sind neue Personalentwicklungskonzepte gefragt. Und wenn jeder vierte Arbeitsplatz wegfällt, verringert sich natürlich auch der Flächenbedarf. Als Zeitpunkt für deutlich spürbare Reduktion von Personal und Flächen wird von 2029 gesprochen.
Was passiert jetzt mit dem PMRE Monitor?
Prof. Dr. Zeitner: Er steht der Branche und allen Befragten zur Verfügung; Interessierte können ihn auf unserer Webseite kostenlos herunterladen. Gedruckte Exemplare verschicken wir nur noch selten.
Prof. Dr. Peyinghaus: Der erste PMRE Monitor erschien 2010, damals ging es um den Stand und den Nutzen des Prozessmanagements im Immobilienmarkt. Wenn ich an die Studien zurückdenke, die wir seitdem veröffentlicht haben, dann lagen wir mit vielen Einschätzungen und Interpretationen tatsächlich richtig.
