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Algorithmus statt Atelier

Wie entsteht Mode, wenn Stoffe verschwinden und Daten die Hauptrolle spielen? Im Projekt „Entwicklung eines industrienahen Workflows für die digitale Mode-Kollektionserstellung“ erforscht Franziska Englberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Modedesign, wie KI und 3D-Design die Lehre verändern können. Gefördert durch den Lehrinnovationsfonds verbindet das Projekt seit März 2025 technologische Innovation mit kreativer Praxis. Ziel: Studierende fit machen für eine Branche im radikalen Wandel und ihnen zugleich Raum zum Experimentieren geben.

Wie verändert die digitale Transformation die Modebranche?

Englberger: Digitale Prototypen ersetzen physische Schnittmuster und digitale Avatare sind die neuen Models. Das spart einerseits Zeit, Kosten und Material. Design und Schnittanpassungen und deren Visualisierung in Echtzeit beispielsweise sind schneller möglich, ebenso wie die Kommunikation mit Produktionsstätten, die heutzutage häufig in anderen Ländern liegen. Gleichzeitig entstehen durch die Digitalisierung neue Herausforderungen: Software und Computer sind teuer. Bevor Kosten gespart werden können, braucht es also Investitionen. Und es braucht Arbeitskräfte, die die Programme bedienen können und bereit sind, stetig zu lernen – denn die Technologien entwickeln sich in rasantem Tempo.

Ansichten eines digitalen Models in weißer Bluse und langem dunklem Rock. Das Model dreht sich einmal um.
Kleidung wird an einem digitalen Avatar präsentiert.

Wie ist die Idee für das Projekt entstanden?

Englberger: Ich hatte mich schon länger mit Design und Schnittentwicklung mithilfe von 3D-Programmen beschäftigt. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Kuratorin einer Ausstellung für Digitale Mode bei der Neo.Fashion. während der Berlin Fashion Week 2025 musste ich dann feststellen: Die meisten Einsendungen waren schon mit KI erstellt worden – im Vorjahr hatte das noch ganz anders ausgesehen, denn da lag der Fokus noch mehr auf 3D gerenderten Projekten! Die Ausschreibung für den Lehrinnovationsfonds war die perfekte Gelegenheit, um die Modeausbildung an der HTW Berlin um den KI-Aspekt zu erweitern. Gleichzeitig wollte ich verstehen, wie man mit KI die Kontrolle behalten, den Prozess gut lenken und eigene Stile entwickeln kann. Prof. Horst Fetzer, Prof. Maija Schultz und Prof. Bianca Kóczán haben mich dabei sehr unterstützt.

Wie sieht das Lernen konkret aus?

Englberger: Studierende arbeiten projektorientiert. Lehrende begleiten diesen Prozess als Coaches, während die Studierenden ihren eigenen Workflow gestalten. Sie entwickeln Kollektionen, erstellen Moodboards mit KI, bauen 3D-Prototypen und produzieren sogar Videos. Teilweise entsteht all das nur auf Basis einer technischen Zeichnung, wie bei Maja Pesa:

Workflow:

Sechs Bilder zeigen den Workflow von der technischen Zeichnung eines Schuhs über 3D-Objekt-Übersetzung, Material- und Farbauswahl, Hintergrundgestaltung, Farbanpassung bis zur Animation von Start- und Endsequenz.

fertiges Video:

 

Englberger: Ästhetisch überzeugende Visualisierungen können also mit sehr geringem Zeitaufwand erstellt werden. Am Ende steht nicht nur ein Entwurf, sondern eine ganze Geschichte. Denn auch das ist Teil der digitalen Modewelt: Sichtbarkeit in den sozialen Netzwerken ist enorm wichtig geworden. Deshalb sind Storytelling und Content Creation wichtige neue Kompetenzen für Designer*innen. KI liefert hier wertvolle Unterstützung, wie das Beispiel von Kaya Kuszak zeigt:

Kaya Kuszak hat einen Fashionkurzfilm mit KI generiert. KI-Tools ermöglichten die Umsetzung mit kleinem Budget, was analog viel Zeit, Geld und Unterstützung gebraucht hätte.

Wo liegen die Herausforderungen im Umgang mit KI?

Englberger: Viele Tools erzeugen ähnliche Ästhetiken. Deshalb stellt das Projekt eine zentrale Frage: Wie behalten Designer*innen die Kontrolle? Studierende lernen, KI bewusst zu steuern, statt sich von ihr lenken zu lassen. Themen wie Urheberrecht oder Nachhaltigkeit werden ebenfalls besprochen –bräuchten aber viel mehr Raum. Ein weiterer Aspekt sind die Kosten und die schnelle Entwicklung der Technik: Es ist zu Beginn schwer einzuschätzen, welche der vielen KI-Player auf dem Markt für die Lehre überhaupt relevant, zugänglich und erschwinglich sind. Ohne die Recherche und den wöchentlichen Austausch mit unserer studentischen Mitarbeiterin Diana König und ohne externe Beratung durch KI- und Modeexpertin Laura Büchner und Taskin Goec wäre uns eine Orientierung am Markt sehr schwergefallen.

Welches Fazit ziehen Sie jetzt zum Ende des Projekts?

Englberger: Die Ergebnisse zeigen, dass die Arbeit mit KI-Tools für zukünftige Designer*innen unumgänglich sein wird, um wettbewerbsfähig zu sein. Ich bin sicher, dass KI sogar das Potential für die Entstehung neuer Berufsfelder in der Modeindustrie hat. Deshalb sollte das Thema auf jeden Fall Teil der Ausbildung bleiben und wir haben mit dem Projekt eine gute Basis geschaffen: Die entwickelten Workflows lassen sich auch auf andere Designbereiche übertragen. Und wenn wir es dadurch schaffen, die Neugier der Studierenden zu wecken, sodass sie Lust bekommen, sich damit intensiver zu beschäftigen, ist das auf jeden Fall ein Erfolg.

Beratung für Lehrende

Sie haben auch tolle Ideen für die Lehre, aber wissen noch nicht, wie Sie das am besten umsetzen? Das Lehrenden-Service-Center berät Sie bei allen Fragen zu Lehre, Didaktik und Medienproduktion. Kontaktieren Sie uns einfach per Mail unter lehre@htw-berlin.de. Wir freuen uns auf Ihre Anfragen!

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