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Ilka Borchardt

Ilka Borchardt

Das Scribble auf dem Whiteboard, mit dessen Hilfe sich Ilka Borchardt vor längerer Zeit einen Überblick über das Procedere eines Berufungsverfahrens verschafft hat, lässt keinen Zweifel aufkommen: Die Neubesetzung einer Hochschulprofessur ist ein komplexes Unterfangen. Welche Schritte zu gehen sind und wer in welcher Form mitwirkt, weiß Ilka Borchardt inzwischen aus dem Effeff. Im Projekt „Talent Identification & Empowerment“ (TIEs) unterstützt sie die Fachbereiche bei Neuberufungen. „Denominationsmanagement“ heißt ihr Aufgabenbereich. Was sich dahinter verbirgt und warum es trotz Sparzwang sinnvoll ist, sich Gedanken über das Profil von neuen Professuren zu machen, verrät Ilka Borchardt im Interview. Sie hat Ethnologie, Afrikawissenschaften und Gender Studies an der FU Berlin sowie an der HU Berlin studiert und war danach in der Erwachsenenbildung tätig, ehe sie 2023 an die HTW Berlin kam, wo sie sich zunächst im Referat Gleichstellung & Antidiskriminierung um das Projekt „Chancengerechte Berufungsverfahren“ kümmerte. 

Den Begriff Denomination müssen Sie erklären!

Ja, der ist wirklich erklärungsbedürftig, zumal bei einer Google-Recherche auch andere Bedeutungen auftauchen, beispielsweise religiöse. Sprechen wir einfach vom Profil einer Hochschulprofessur. Denn das ist mit Denomination gemeint und dann haben wir einen zeitgemäßeren Begriff. 

Welche Bedeutung hat das Profil einer Professur?

Große Bedeutung. Das Profil einer neuen Professur muss fachlich zu den in einem Studiengang schon vorhandenen Professuren passen. Es sollte auch der Weiterentwicklung des Studiengangs dienlich sein. Beide Dimensionen muss man bei einer Denomination im Blick haben, deshalb will sie gut überlegt sein. Drittens sollte das Profil einer Professur auch attraktiv beschrieben sein und möglichst diverse Bewerber*innen ansprechen. In diesem Punkt ist die Sensibilität an Hochschulen in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Das liegt auch daran, dass es schwieriger geworden ist, genügend hochqualifizierte Bewerbungen für Professuren zu bekommen. Vor diesem Hintergrund wurde ja das gesamte Projekt TIEs aufgesetzt. 

Was ist Ihre Aufgabe im Projekt?

Ich bringe mich an verschiedenen Stellen ein. Zunächst einmal vor Beginn eines Berufungsverfahrens, und zwar mit Workshops für die Arbeitsgruppe, die das Profil der neuen Professur erarbeitet. Das sind bis zu vier Professor*innen, ein Hochschulmitglied mit akademischem Hintergrund, ein*e Studierende*r sowie ein*e Mitarbeiter*in aus dem Bereich Technik, Service, Verwaltung sowie die nebenberufliche Gleichstellungsbeauftragte. Drei solcher Veranstaltungen haben bislang stattgefunden. Dieser Workshop ist quasi ein geschützter Raum, in dem die Beteiligten mit professioneller externer Moderation und in Ruhe darüber nachdenken, welche fachliche Verstärkung sie im Studiengang eigentlich benötigen, wer menschlich zu ihnen passen würde, aber auch, welche weiteren Kriterien Bewerber*innen erfüllen sollen und wie das solide und fair überprüft werden kann.

Diese Überlegungen sind sehr wichtig, weil sich daraus alles Weitere ableitet: das Profil der Professur und die Ausschreibung, die Bewertungsmatrix für die Auswahl derer, die in die engere Wahl kommen, für die Lehrprobe und das persönliche Gespräch, und schließlich auch für die sogenannte Dreier-Liste, die idealerweise am Ende des Berufungsverfahrens steht und auf deren Grundlage der Ruf an den oder die neue Professor*in erteilt wird. 

Worin besteht die Herausforderung eines Berufungsverfahrens?

Unter anderem darin, dass im Verfahren sauber gearbeitet und alles sehr sorgfältig dokumentiert wird. Ansonsten besteht das Risiko einer Klage vor dem Verwaltungsgericht. Denn nicht ausgewählte Bewerber*innen dürfen Akteneinsicht nehmen und Klage führen, wenn das Verfahren Grund zur Annahme gibt, dass sie in irgendeiner Form benachteiligt wurden. Das möchte man aus verschiedenen Gründen unbedingt vermeiden. Stellen Sie sich vor: Die Berufungskommission hätte umsonst gearbeitet, die personelle Verstärkung der Professor*innen im Studiengang würde in weite Ferne rücken, der Ruf der HTW womöglich Schaden nehmen etc. etc. 

Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Zum einen die Standardisierung des Verfahrens. Das hilft den Berufungskommissionen. Diese bestehen zwar aus Expert*innen für ihr jeweiliges Fachgebiet, verfügen aber nicht zwingend über Erfahrungen im Personalmanagement. Professor*innen haben zudem genug mit Lehre und Forschung zu tun. Für sie ist die Mitarbeit in einer Berufungskommission eine zusätzliche und ehrenamtliche Aufgabe. Außerdem verringert ein standardisiertes Verfahren den Einfluss von sogenannten Biases, also Voreingenommenheiten und Beurteilungsfehlern, die einer chancengerechten und diversitätssensiblen Bestenauswahl im Weg stehen.

Zum anderen ist mir Transparenz ein großes Anliegen. Auch die Transparenz erleichtert den Kommissionen die Arbeit. Ich verstehe sie gleichzeitig als wichtigen Service gegenüber den Bewerber*innen. Man darf nicht vergessen, dass sie unter enormem Stress stehen, weil sich manche Berufungsverfahren über viele Monate hinziehen. Bei einer Professur geht es um eine wichtige öffentliche Position und ein Beamtenverhältnis auf Lebenszeit, da ist Sorgfalt geboten.

Was bedeutet der aktuelle Sparzwang für Ihren Job?

Tatsächlich kann die HTW derzeit wegen der vom Land Berlin vorgegebenen Sparmaßnahmen kaum neue Professuren ausschreiben. Doch das war nicht absehbar, als das Projekt TIEs 2022 von der Hochschule beantragt und die Mittel vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bewilligt wurden. Aber ich finde, vor diesem Hintergrund ist es noch viel wichtiger, zukunftsorientierte Überlegungen anzustellen. Irgendwann werden die mageren Jahre vorbei sein - dann ist es wichtig, keine Zeit verloren zu haben. Wir können bis dahin Antworten geben auf wichtige Fragen. Welches ist unser Alleinstellungsmerkmal? Wie können wir es stärken? Wen brauchen wir dafür? Alle Prozesse werden optimiert sein und eine Neuberufung kann schnell über die Bühne gehen. 

Weiterführende Links

Ilka Borchardt mit Mütze
Ilka Borchardt im Treppenhaus von Gebäude C Ilka Borchardt im Flur
Ilka Borchardt am Schreibtisch

Das Projekt „Talent Identification & Empowerment“

Im Zuge des Projekts „Talent Identification & Empowerment“ (TIEs) werden bis 2028 vielfältige Maßnahmen konzipiert und realisiert, um die HTW Berlin bei der Rekrutierung von Professor*innen strategisch besser aufzustellen. Ziel ist es, nicht nur genügend Bewerber*innen zu finden, sondern die Besten der Besten identifizieren und für eine Professur zu interessieren. Das Spektrum der Maßnahmen reicht von einem gezielten Professurenmarketing über den Aufbau eines internationalen Talentnetzwerks bis zur Förderung und Entwicklung geeigneter Kandidat*innen, die an die Hochschule gebunden werden. 

Zur Projektwebseite

Die Fragen stellte Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation
Fotos: HTW Berlin/Alexander Rentsch

Berlin, 9. März 2026