Fiarra Pohling
Fiarra Pohling
Wen möchte die Hochschule auf einer freiwerdenden Professur haben? Eine Persönlichkeit mit herausragender wissenschaftlicher Qualifikation? Oder jemanden, der bzw. die das Fach in dessen ganzer Breite in Forschung und Lehre vertritt? Das Wording und der Inhalt einer Stellenausschreibung entscheiden mit darüber, wer sich angesprochen fühlt und bewirbt. In Zeiten wachsender Konkurrenz Grund genug für die HTW Berlin, die Ausschreibungstexte anderer Hochschulen einmal gründlich unter die Lupe zu nehmen. Genau das war die Aufgabe von Fiarra Pohling. Für das Projekt „Talent Identification & Empowerment“ (TIEs) hat sie mehr als 4.000 Stellenanzeigen ausgewertet. Welche Erkenntnisse die Analyse brachte, resümiert Fiarra Pohling im Interview. Die Absolventin des Master-Studiengangs Wirtschaftskommunikation promoviert seit 2022 bei Prof. Dr. Steffen Kolb zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz und natürlicher Sprachverarbeitung in der Wissenschaft.
Wie sind Sie bei der Analyse vorgegangen?
Ich ließ mir vom Deutschen Hochschulverband die vollständigen Ausschreibungstexte aus dem Jahr 2024 zuschicken. Das waren 4225 Anzeigen von 392 verschiedenen Hochschulen, die meisten aus Deutschland, einige aus Österreich, der Schweiz und von internationalen Hochschulen. Von „A“ wie Agrarwissenschaften bis „Z“ wie Zahnmedizin waren alle Fächer dabei, auch solche Disziplinen, die es an der HTW nicht gibt. Um die Texte mit Künstlicher Intelligenz analysieren zu können, habe ich die PDF-Dateien maschinell ausgelesen und damit einen Datensatz erstellt. Die für uns relevanten Fächergruppen bekamen das Label “HTW-nah”; das waren immerhin noch 1081 Stellenanzeigen, also ein Viertel.
Worauf haben Sie inhaltlich geachtet?
Auf eine ganze Reihe von Punkten: auf das Intro der Ausschreibungstexte, auf Anrede und Sprache, auf die Selbstbeschreibung der Institution, darauf, welche externen Referenzen und Zertifizierungen genannt werden, wie die Stelle selbst beschrieben wird, welche Soft Skills die Bewerber*innen mitbringen sollen, wie die Qualifikationsanforderungen formuliert sind, welche Hinweise in punkto Gleichstellung und Diversität gegeben werden und ob Statements zu Werten vorkommen. Da kam ein großer Katalog zusammen. Im Ergebnis haben wir jetzt einen sehr guten Überblick über die Ausschreibungstexte anderer Hochschulen, den man für vielfältige Zwecke nutzen kann.
Gab es dabei Überraschungen?
Überrascht hat mich, dass jenseits eines verbreiteten Standardtyps von Ausschreibungstext eine ziemlich große Vielfalt existiert. Ich fand Anzeigen mit nicht mehr als drei abgehackten Sätzen, aber auch blumige Beschreibungen im Umfang von drei Din A-4 Seiten. Es gab sogar Ausschreibungen, in denen Bewerber*innen geduzt wurden. Auch das Thema Diversität wird recht unterschiedlich gehandhabt. Manche Institutionen begnügen sich mit dem Hinweis, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Das sollte man bei einer Hochschule aber erwarten können, oder nicht?
Welche Learnings sehen Sie für die HTW Berlin?
Die HTW könnte bestimmte Stärken deutlicher hervorheben, beispielsweise ihre regionale Vernetzung und das ausgewiesene Engagement im Bereich Gründungsförderung. Meines Erachtens könnte es sogar von Vorteil sein, bestimmte Textpassagen von Ausschreibung zu Ausschreibung zu modifizieren und dabei zumindest von Fachbereich zu Fachbereich zu unterscheiden, um den jeweiligen Besonderheiten besser Rechnung zu tragen. Womöglich kommuniziert man sogar die Kultur in einem Studiengang? Denn bei der Besetzung einer Professur sollte es ja nicht nur auf der fachlichen, sondern auch auf der menschlichen Ebene passen.
Haben Sie auch Ausschreibungen für künstlerische Professuren in den Blick genommen?
Natürlich. Bei Professuren im künstlerischen Bereich wird ja statt einer Promotion eine sogenannte äquivalente Qualifikation erwartet. Wie die genau beschrieben wird, interessierte uns sehr. Wir fanden allerdings meist sehr stellenspezifische Aussagen, oft wurden eher Soft Skills formuliert. Ich vermute, dass sich Hochschulen bei künstlerischen Professuren möglichst große Spielräume erhalten wollen. Aber über die Motive kann ich letztlich nur spekulieren.
Ihre Quintessenz?
Mir hat die Analyse deutlicher als je zuvor vor Augen geführt, welch hohe Ansprüche an Professor*innen gestellt werden, gerade an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Sie sollen in der Forschung ausgewiesen sein, langjährige Praxiserfahrung mitbringen, über Führungskompetenz verfügen, aber auch teamfähig sein, international vernetzt sein, nach Möglichkeit fließend Englisch sprechen und sich auch in der Akademischen Selbstverwaltung engagieren. Alles zusammen ist das fast einschüchternd. Und seien wir ehrlich: Alle Anforderungen kann kein Mensch auf hohem Niveau erfüllen. Umso wichtiger ist es, dass sich eine Berufungskommission in Absprache mit dem Studiengang möglichst genau darauf verständigt, was für die jeweilige Professur wichtig ist. Sucht man eher eine*n Generalist*in oder eine*n bestimmte Expertise? Wird jemand für die grundständige Lehre benötigt oder wünscht man sich eine*n engagierten Person, die den Studiengang weiterentwickelt? Mit der möglichst präzisen Zweckbestimmung einer Professur, der sogenannten Denomination, fängt alles an. Sie ist enorm wichtig für die erfolgreiche Ausschreibung einer Position.


Ausschreibungsdienst des Deutschen Hochschulverbands
Der Deutsche Hochschulverband (DHV) versendet an interessierte Mitglieder die vollständigen Ausschreibungstexte aller vakanten Professuren in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Form von Mailing-Listen. Der Service umfasst Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften sowie eine umfangreiche Linkliste zu Stellenbörsen im Ausland. So werden jährlich rund 3.500 freie Professuren vom Ausschreibungsdienst gelistet und an über 30.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitergegeben.
Das Projekt „Talent Identification & Empowerment“
Im Zuge des Projekts „Talent Identification & Empowerment“ (TIEs) werden bis 2028 vielfältige Maßnahmen konzipiert und realisiert, um die HTW Berlin bei der Rekrutierung von Professor*innen strategisch besser aufzustellen. Ziel ist es, nicht nur genügend Bewerber*innen zu finden, sondern die Besten der Besten identifizieren und für eine Professur zu interessieren. Das Spektrum der Maßnahmen reicht von einem gezielten Professurenmarketing über den Aufbau eines internationalen Talentnetzwerks bis zur Förderung und Entwicklung geeigneter Kandidat*innen, die an die Hochschule gebunden werden.
Die Fragen stellte Gisela Hüttinger, Transfer- und Projektkommunikation
Fotos: HTW Berlin/Alexander Rentsch
Berlin, 12. Januar 2026