Textilunternehmen in Asien verfügen über wachsendes Knowhow

Näher_innen in Asien

Spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013 berichten Medien regelmäßig über die Textilproduktion in Asien. Man erfährt von katastrophalen Arbeitsbedingungen, veralteter Technologie, oft auch von mangelndem Knowhow der asiatischen Hersteller. Tatsächlich werden aber fast alle in Deutschland erhältlichen Produkte im Ausland gefertigt. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Prof. Monika Fuchs aus dem Studiengang Bekleidungstechnik/Konfektion machte sich bei einem dreimonatigen Forschungsaufenthalt in Indonesien, Vietnam und Bangladesch ein Bild. Wir haben sie nach der Rückkehr befragt. 

Sie haben Manager interviewt, mit Beschäftigten gesprochen und Fertigungsstätten besucht. Mit welchen Eindrücken und Erkenntnissen kehren sie zurück?

Ich habe in Bangladesch eine Näherei mit über 3000 Beschäftigten und die größte Jeanswäscherei Asiens besucht. In beiden Betrieben war die technische Ausstattung auf sehr hohem Niveau, der Maschinenpark stammte von den internationalen Marktführern. Um Produkte herstellen zu können, die dem Anspruch der Auftraggeber und der Konsumenten entsprechen, müssen die Fertigungsbedingungen eben stimmen.

Wer lässt in den von Ihnen besuchten Fertigungsstätten Produkte herstellen?

In ein und derselben Näherei fertigen ein und dieselben Näherinnen mit ein und demselben Maschinenpark Textilien für Unternehmen sowohl der gehobenen Preisklasse als auch dem Discountbereich. Die Preisunterschiede gehen auf unterschiedlich teure textile Materialien und auf die sehr unterschiedlichen Stückzahlen zurück.

Inwieweit kommen Automaten oder Roboter zum Einsatz?

Noch immer wird fast jede Naht von Hand genäht. Automaten gibt es nur für wenige Arbeitsgänge. Das Nähen von Bekleidungsprodukten bleibt extrem personal- und damit lohnintensiv. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Näherinnen. Das wäre auch bei einer Fertigung in Deutschland nicht anders. Aufgrund der Beschaffenheit des Materials — in der Fachsprache nennt man Textilien „biegeschlaff“ — ist eine durchgängige Automatisierung oder Roboterfertigung für die Näherei auch in Zukunft nicht vorstellbar.

Wie kann man Nähereien mit über 1000 Mitarbeiter_innen und entsprechend vielen Arbeitsplätzen überhaupt untersuchen?

Ich habe Checklisten entwickelt, um Tätigkeiten, Arbeitsmittel, Arbeitsumgebung und Arbeitsplatz grob bewerten zu können. Dabei hat sich beispielsweise gezeigt, dass nur selten ergonomische Erkenntnisse zur Gestaltung der Näharbeitsplätze Berücksichtigung finden. Die Belastungen der Näherinnen sind ohne Ausnahme groß.

Interessieren sich das Management und die Mitarbeiter_innen in Asien für Themen wie Nachhaltigkeit und Transparenz?

Ja, Nachhaltigkeit und Transparenz in der Umsetzung von Produkten gehören tatsächlich zu den Unternehmenszielen. Das gilt sowohl für die Materialien als auch für die Produktion. Die gesamte Supply Chain kann jederzeit detailliert und transparent an die Auftraggeber übermittelt werden. Dieser Weg muss gemeinsam beschritten und ausgebaut werden, so dass Endkonsument_innen umfassend informiert werden können.

Welche Empfehlungen geben Sie jenen, die heute an der HTW Berlin Bekleidungstechnik/Konfektion studieren?

Die Studierenden sollten ein realitätsnahes Bild von Bekleidungsunternehmen in Asien entwickeln und möglichst schon während des Studiums Praktika vor Ort anstreben. Die Zusammenarbeit mit Bekleidungsunternehmen in Asien wird sich verändern, denn dort sind immer mehr Kernkompetenzen vorhanden. Heute wird nicht mehr nur produziert, sondern die Partner verfügen auch über Knowhow in den Bereichen Design und Konstruktion. Auf dieses Expertenwissen in den Beschaffungsländern sollte mit Wertschätzung, Vertrauen und Anerkennung reagiert werden.

Prof. Monika Fuchs bereitete ihre Reise durch Indonesien, Vietnam und Bangladesch akribisch vor. Zwischen November 2018 und März 2019 führte sie insgesamt 52 leitfadengestützte Interviews mit Managern und Beschäftigen von Industriebetrieben. Darüber hinaus besuchte sie sechs verschiedene Fertigungsstätten, die sie anhand von selbst entwickelten Checklisten untersuchte. Die Ergebnisse des dreimonatigen Forschungsaufenthalts hat sie in einem umfangreichen Forschungsbericht zusammengefasst.

Prof. Monika Fuchs ist seit 2009 Professorin im Studiengang Bekleidungstechnik/Konfektion an der HTW Berlin. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen technisch/administrative Produktentwicklung, Beschaffung und Arbeitswissenschaft. Vor ihrer Berufung an die Hochschule war sie Produktmanagerin in der Bekleidungswirtschaft und im wissenschaftlichen Verlagshaus.

Monika Fuchs