„Für jeden Ort eine eigene Identität schaffen”

Leitsystem auf dem Campus Wilhelminenhof

Die Aufgabe war kurz und bündig formuliert: „…ein Wegeleit- und Informationssystem soll realisiert werden, das Orientierung auf dem komplexen Areal und in den Gebäuden bietet und Besucher zielgerichtet zu den gewünschten Einrichtungen führt.“ Die Rede ist vom Campus Wilhelminenhof der HTW Berlin. Auf dem großen und verwinkelten Gelände für räumliche Übersicht zu sorgen, war keine kleine Herausforderung. Dass diese bravourös bewältigt wurde, bekam das Berliner Designbüro polyform jetzt von einer hochkarätigen Jury bescheinigt. Das von polyform für den Campus Wilhelminenhof entwickelte und später auf den Campus Treskowallee übertragene Wegeleitsystem wurde mit dem renommierten German Design Award in der Kategorie „Signage and Wayfinding“ ausgezeichnet.

Der Wilhelminenhof in Oberschöneweide war noch eine Baustelle, als ihn Dietmar Götzelmann und Markus Knes 2006 das erste Mal besichtigten. Sie kamen oft, um das weitläufige Areal besser kennenzulernen, sich mit seiner Geschichte vertraut zu machen und ein Gespür dafür zu bekommen, was passt. „Nur so kann es gelingen, für jeden Ort eine individuelle Identität zu schaffen“, beschreibt Götzelmann den Anspruch des 1999 gegründeten Büros, das sich mit Leitsystemen, u.a. für die Berliner Museumsinsel, einen Namen gemacht hat.

Bei der Entwicklung der Formensprache auch auf dem Corporate Design der HTW Berlin aufzubauen, war für polyform selbstverständlich. Inspiriert von den Umrissen des Hochschul-Logos, aber auch vom Charakter des Campus als einem lebendigen Ort der Kommunikation, leiteten die Gestalter das System in der Form von Sprechblasen ab und gaben diesen je nach Inhalt wechselnde Formen. „Bestechend simpel, aber doch von hoher, formaler Eigenständigkeit“, lobte die Jury. Klug fanden es die Designexpert_innen auch, der Vielfalt an Farben und Strukturen der Gebäude ein durchgängiges Schwarz-Weiß-Leitsystem gegenüberzustellen.

So viel zu den kreativen Ideen. Bis zur Montage der letzten Tafel — genauer gesagt: des letzten Buchstabens - vergingen mehr als drei Jahre. Denn es galt auch, die Wegeführung auf dem Campus Wilhelminenhof inhaltlich zu konzipieren, Fern- und Nahziele zu definieren, Bezeichnungen für die Gebäude festzulegen, Informationen zu gewichten und von den Außenflächen hin zum Gebäude-Inneren zu verdichten und schließlich jene Übersichtspläne zu entwickeln, die Gäste bei der Ankunft aus vier verschiedenen Himmelsrichtungen empfangen. Bei alledem durften auch die Vertreter_innen des Denkmalschutzes ein Wörtchen mitreden, der Architekt Gernot Nalbach, das Land Berlin und Vertreter_innen der HTW Berlin sowieso. Alle hatten eigene Vorstellungen und natürlich immer wieder auch Änderungswünsche, über die intensiv debattiert wurde. Trotzdem sei es gelungen, die eigenen Ideen konsequent umzusetzen, freut sich Dietmar Götzelmann noch heute.

2014 machte polyform auf dem Campus Treskowallee weiter. Statt leere Wände, lange Flure und gewaltige Backsteinfassaden mit Elementen des neuen Leitsystems bestücken zu können, mussten die beiden Grafiker in den Gebäuden erst einmal einen in mehreren Jahrzehnten gewachsenen Wald an Schildern und Hinweistafeln lichten. Überhaupt hat weit gefehlt, wer glaubt, ein Leitsystem könne kurzerhand und 1:1 von einem an einen anderen Ort übertragen werden. Wieder beschäftigten sich die beiden Grafiker erst einmal mit den Gebäuden und ihrer Geschichte, verschafften sich einen Überblick über die vor Ort ansässigen Organisationseinheiten, produzierten neue Schilderdummies und prüften, wie diese in der neuen Umgebung wirkten.

Sie wirkten natürlich anders, weshalb Dietmar Götzelmann und Markus Knes tatsächlich kleine, aber feine Veränderungen vornahmen. Statt beispielsweise die Raumnummern direkt auf die Wand aufzubringen, wie es in den Innenräumen auf dem Campus Wilhelminenhof geschah, wurden in den Gebäuden auf dem Campus Treskowallee schwarze Schilder montiert und mit weißer Schrift versehen. Denn sie müssen sich von der Umgebung kontrastreich abheben, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch die Form der Tafeln im Außenbereich wurde leicht modifiziert, transportieren sie doch mehr Informationen als auf dem Campus Wilhelminenhof.

Diese kleinen Modifikationen bemerken freilich nur Insider. Was alle bis heute sehr deutlich bemerken, ist der praktische Nutzen des Leitsystems. Einem Lkw-Fahrer, der Broschüren anliefert, kann man heute präzise Eingang A8 als Lieferort nennen, statt ihm wortreich das Gelände zu beschreiben und schließlich doch selbst zu Fuß zum besagten Punkt zu lotsen.